Wir denken an Christian Krähling

Am 10. 12. 2020 ist Christian Krähling im Alter von 43 Jahren gestorben. Als Arbeiter bei Amazon und Sprecher der Vertrauensleute, später auch Mitglied im Betriebsrat in Bad Hersfeld, so stellte sich Christian zumeist bescheiden vor. Am Standort Hersfeld gelang es Christian mit wenig mehr als einem Dutzend gewerkschaftlicher Aktiver, den Kampf gegen den Weltkonzern Amazon in Deutschland aufzunehmen. Die Zahl der gewerkschaftlich bewussten Kämpfer wuchs schließlich so weit, dass die gewerkschaftlich Organisierten 2013 aus einer Minderheit heraus ihren ersten Tarifkampf gegen Amazon probierten.

Später zum Jour Fixe der Gewerkschaftslinken in Hamburg eingeladen, reiste gleich eine muntere und diskussionsfreudige Truppe von sieben Köpfen an. Viele weitere bunte Streiks und Aktionen zeigten die unglaubliche Kreativität der Kolleginnen und Kollegen. Streik und Aktion wurden zu Mitteln, weitere Kollegen wachzurütteln und zu organisieren, denn während der Streiks gab es ja Zeit, die sonst fehlt, um ausführliche Gespräche auf Augenhöhe mit den Kollegen zu führen. Noch kürzlich bemerkte Christian, dass er seinen Arbeitsplatz gar nicht mehr ohne Arbeitskampf kenne.

Über die Perspektive des Kampfes gegen Amazon machte er sich dennoch keine Illusionen. Sie hätten sich auf eine lange Auseinandersetzung eingestellt, die zehn Jahre und länger („bis zur Rente“) dauern könne, beschied er uns noch 2018. Deutlich sah er die Grenzen, über die Position einer organisierten Minderheit im Betrieb beim aktuellen Bewusstsein der Kollegen hinauszukommen.

Bewundernswert war, wie viel Freizeit die Truppe um Christian jeden Tag und am Wochenende opferte, um sich mit KollegInnen anderer Amazon-Betriebe zu treffen und zu vernetzen. Aber auch in die Logistik und über die Branche hinaus suchten sie den Kontakt besonders dort, wo sie künftige Geschäftsfelder des expansiven Amazon-Konzerns sahen.

Einen besonderen Erfolg verbuchte die Hersfelder Mannschaft um Christian bei der Knüpfung tragfähiger internationaler Kontakte zu den Amazon-Betrieben in Frankreich, Italien, Spanien, England, sogar Polen, was aufgrund des Lohngefälles, wie jeder weiß, selten deutschen Belegschaften gelingt.

Strahlend erzählte Christian gern die Geschichte, wie er, als er vom ersten bevorstehenden Streik von Amazon-Beschäftigten in Spanien erfuhr, schnell einen Flug buchte und es erreichte, in Spanien vor den Streikenden sprechen zu können. Über Kosten und die Einbeziehung der offiziellen Gewerkschaftsinstanzen nachzudenken, war seiner Meinung nach jetzt nicht die Zeit, das mochte man später klären.

Er suche „Mitstreiter, nicht Mitglieder“, so beschrieb Christian seine Bemühungen, Kolleginnen und Kollegen zu organisieren. Nur wenn die Kollegin oder der Kollege die gemeinsame Sache zur eigenen mache, ihr Engagement von innen heraus komme, nicht vom Gewerkschaftsapparat vorgegeben, werde ihr Kampf anziehend für viele, organisiere sich die Bewegung selber.

Christian lebte diese Überzeugungen glaubwürdig. Sein plötzlicher Tod hinterlässt eine schmerzhafte Lücke.

 


Wir dokumentieren hier ein Interview mit Christian, das im Mai als Teil des Buches „Pandemische Zeiten“ im Manifest-Verlag veröffentlicht wurde*:

Interview mit Christian Krähling: Amazon und Corona

Wie ist die Situation bei dir?

Es fing vor zwei, drei Wochen an, dass wir beim BR die ersten Fragen von KUK hatten, wie Amazon gedenkt, mit der ganzen Corona-Sache umzugehen. Das haben wir an die GL weitergeleitet, die sagte, dass Maßnahmen geplant sind und Informationen ausgegeben werden. Es hieß dann, dass der Betrieb mehr oder weniger normal weiterläuft. Es wurde gesagt, dass Abstände eingehalten werden sollen. Zu Beginn sollte ein Meter Abstand eingehalten werden. Es wurde begonnen, Infektionsmittelspender aufzuhängen und es wurde gesagt, dass Arbeitsplätze häufiger gereinigt werden.

Als es dann schlimmer wurde, hat man aus der Kantine jeden zweiten Stuhl entfernt, um den einen Meter Abstand einzuhalten. Wir hatten bereits vorher vieles an Bedenken vorgebracht und ein Punkt war die Kantine, die in den Pausenzeiten immer sehr überfüllt ist. Etwas anderes waren die sogenannten Start-Meetings zu Beginn jeder Schicht, bei der die komplette Abteilung zusammensteht und bestimmte Sachen zum Arbeitsablauf besprochen werden. Die liefen erst einmal normal weiter.

Ich kenne das aus anderen Betrieben als „Daily-Stand-Ups“. Ihr habt also einfach weiterhin dicht beieinander gestanden?

Genau, zunächst ja, dann gab es nach mehrfachen Beschwerden eine Änderung. Im Bürobereich gab es schon früher die Anweisungen, keine Treffen mit mehr als 20 Leuten durchzuführen, mittlerweile gibt es gar keine Versammlungen mehr, auch keine Start-Meetings. Diese wurden jedoch erst auf einmal alle drei Tage beschränkt, bei denen dann aber noch zum Teil über 100 Leute zusammenstanden.

Das verhindert aber doch nicht die Ansteckung, man kann sich ja auch bei Treffen, die nur alle paar Tage stattfinden anstecken…

Das ist nicht das einzige Problem. Jahrelang hat man Leute dazu angehalten, Fahrgemeinschaften zu bilden, was sicher vernünftig ist, da der Einzugskreis 100 – 150 km beträgt, da bieten sich Fahrgemeinschaften an. Auch das ist jetzt ein Problem. Wir haben immer wieder nachgefragt, ob es Verdachts- oder bestätigte Fälle gibt. Darüber gab es zunächst gar keine Aussagen, mittlerweile gibt es vermehrt Fälle, bei denen Leute in Quarantäne mussten, die in Risikogebieten waren. Am Standort Winsen hat sich die Infektion ausgebreitet und betrifft mittlerweile fast 70 Kolleginnen und Kollegen. Trotzdem ver.di die Schließung verlangt, wird dort weitergearbeitet.

Ein Problem war und ist immer noch die Schließung der Kindergärten und Schulen. Viele wissen nicht, wie es weitergehen soll. Es wurde nicht kommuniziert, dass man einen gesetzlichen Anspruch auf Freistellung in einem solchen Fall, zumindest für einige Tage, hat. Viele Leute haben sich dann einen Teil ihres Jahresurlaubs genommen oder Überstunden abgebaut. Das Problem ist aber auch hier, dass die Geschäftsleitung entscheidet, ob man Urlaub bekommt oder Überstunden abbauen kann.

Ich habe gelesen, dass jetzt sogar empfohlen wird, bei der Arbeit zwei Meter Abstand zu halten. Du hast die Fahrgemeinschaften angesprochen: Beispielsweise gibt es am Standort Brieselang Bus-Shuttles in die Stadt hinein, weil die Schichten so spät enden, dass kein Zug mehr nach Berlin fährt. Die kannst du ja nicht umgehen, da du den Bus nehmen musst, wenn du nicht zu Fuß gehen willst.

Das ist ein allgemeines Problem im Betrieb. Ich kann gerade nicht sicherstellen, dass Empfehlungen, die irgendwo niedergeschrieben worden sind oder auch mitgeteilt werden, von allen umgesetzt werden können. Selbst wenn ich mich daran halte, kann ich nicht sichergehen, dass alle anderen sich daran halten. Es gibt so genannte Hot-Spots zu Schichtbeginn und -ende, Pausenbeginn und -ende. Auch im Arbeitsablauf ist ein Kontakt nicht immer vermeidbar. Wir haben in den Lagerhallen lange und enge Gänge. Wenn sich dort zwei begegnen, kann der eine nicht mit Sicherheitsabstand warten, bis die andere Person vorbeigegangen ist. Daher ist es unrealistisch, dass die Empfehlungen komplett eingehalten werden. Ich gehe davon aus, dass sich alle bemühen, die Vorgaben einzuhalten, aber das wird nicht überall möglich sein. Mittlerweile versucht man, diese Hot-Spots durch einen gleitenden Schichtübergang und versetzte Pausen zu entzerren und es werden einem einige Minuten extra pro Schicht gegeben, um Wartezeiten zu berücksichtigen.

Davon mal abgesehen weiß man aber bis heute noch wenig über die Übertragungswege: Kann das Virus nur durch die Luft übertragen werden, klebt es noch am Karton, am Wagen, an dem Scanner, den ich in der Hand habe und so weiter und so fort.

Die Oberflächenübertragung wirft die Frage nach ausreichender Schutzkleidung auf. Eine Ansteckung lässt sich ja durch Handschuhe und Überzieher vermeiden, wenn man an einer Liefer- oder Packkette arbeitet.

Es gibt mittlerweile Masken, die zur Verfügung gestellt werden. Handschuhe bekommen wir zwar, aber das sind die normalen Arbeitshandschuhe. Ich weiß auch nicht, ob es sinnvoll ist, die ganze Schutzkleidung bei Amazon auszuteilen, während es in Krankenhäusern einen Mangel gibt.

Das Problem ist doch auch bei der Schulschließung, dass wenn man die gesetzlich zugesicherten Tage nimmt, auf das Niveau des Krankengeldes absinkt und die Schulen und Kindergärten darüber hinaus länger als der gesetzliche Anspruch geschlossen sind. Gibt es da irgendwelche Zusagen der Geschäftsführung, dass man da Sonderurlaub oder Gehaltsaufstockung bekommt? Die Löhne sind ja im Lagerbereich nicht besonders hoch.

Dazu gibt es bisher gar keine Aussage. Angeblich gibt es da Diskussionen, die wir aber nicht nachvollziehen können. Wenn, dann wird so etwas zentral vom Konzern entschieden. Die Lage ist weiterhin unklar, viele sind verunsichert und nehmen sich Urlaub. Zusätzlich ist der Krankenstand momentan relativ hoch. Da selbst Risikogruppen bei uns weiterhin nicht freigestellt werden, haben sich viele individuell krank schreiben lassen.

Ich hatte gelesen, dass es zur Zeit eine Lohnaufstockung von zwei Euro gibt, was dazu führt, dass Leute, die wenig verdienen zum Teil sogar krank zur Arbeit kommen, um sich und ihre Familien zu versorgen.

Die Atmosphäre, die bei Amazon herrscht, ist ohnehin so, dass vor allem Kolleginnen und Kollegen, die befristet sind, sowieso krank zur Arbeit kommen. Mit mir haben etliche Kolleginnen und Kollegen gesprochen oder schriftlichen Kontakt aufgenommen, die von Krankheitssymptomen berichtet haben, aber nicht von der Arbeit fernbleiben wollten und mich fragten, wie sie sich verhalten sollen. Im Zweifelsfall kann man denen nur raten, sich krankschreiben zu lassen. Das ist die allgemeine Amazon-Kultur.

Die Befürchtung ist hoch, dass die zwei Euro pro Stunde, die es aber nur für jede tatsächlich geleistete Arbeitsstunde gibt, die Situation noch verschärft. Wer also krank ist oder im Urlaub, bekommt nicht mehr Geld. An vielen Standorten fragt die Geschäftsleitung Überstunden an und will an Feiertagen arbeiten. Wir haben gerade eine so genannte „Peak“-Zeit wie im Weihnachtsgeschäft oder beim „Black Friday“.

Wahrscheinlich kommt Amazon dann auch zu Gute, dass die Regelung zur Sonntagsarbeit gelockert wurden. Es dürfte jetzt doch leichter sein, an Sonn- und Feiertagen Schichten genehmigt zu bekommen. Die Höchstarbeitszeit wurde zudem ausgeweitet und die Ruhezeiten verkürzt. Ich kann mir vorstellen, dass das für Amazon auch ein Einfallstor ist. Wie ist das bei Euch?

Wir haben immer wieder Auseinandersetzungen darum gehabt. Früher war Sonntagsarbeit bei Amazon relativ normal. Nicht an jedem Sonntag, man hat aber Sondergenehmigungen bekommen, wogegen die Gewerkschaft auch geklagt hatte und festgestellt wurde, dass das nicht rechtens ist. Amazon möchte natürlich die Sonntagsarbeit haben. Es gibt eine große Befürchtung von Kolleginnen und Kollegen, dass Amazon sich auf der einen Seite als Grundversorger darstellt (Stichwort „essential goods“, lebensnotwendige Güter) und auf der anderen Seite versucht, die zeitweisen Lockerungen in reguläre umzuwandeln.

Im Einzelhandel haben die Beschäftigten ja auch lange gegen die Lockerung der Ladenöffnungszeiten gekämpft und die Befürchtung ist groß, dass vermeintliche Notmaßnahmen in der Corona-Pandemie gar nicht mehr richtig zurückgenommen werden.

Eins ist schon mal klar, dass die zwei Euro Zuschlag pro Stunde nur befristet eingeführt worden sind, bis in den Mai. So etwas wird auf jeden Fall zurückgenommen, nur die Verschlechterungen nicht.

Du hattest gesagt, dass Masken den Beschäftigten mittlerweile zur Verfügung gestellt werden. Das ist aber nicht von Anfang an so gewesen. Trotzdem wurden über den gesamten Zeitraum der Pandemie Masken und Schutzkleidung zu hohen Preisen über die Plattform vertrieben. Jeff Bezos ist selbst seit Beginn des Jahres zehn Milliarden Euro reicher geworden. Man kann schon sagen, dass das oberste Management und die Eigentümer solcher Plattformen wie Jeff Bezos die Krisengewinner sind. Weltweit werden zum Beispiel 100.000 Stellen ausgeschrieben.

Das kann ich mir gut vorstellen. Wenn ich hier zum Einkaufen fahren wollte, hatten alle Läden zu, es gab keine Klamotten zu kaufen, selbst bei kleinen Läden in meiner Stadt, in der ohnehin nie mehr als ein, zwei Leute drin waren. Diese müssen schließen, während wir fünf Kilometer weiter in Bad Hersfeld ein riesiges Lager haben, zu dem tausende von Leuten gehen, um die Klamotten zu kommissionieren und die ganz normal weiter versendet werden.

Einem Jeff Bezos und den Besitzern von Amazon, den Aktionären, ist der einfache Verkauf erst einmal egal, solange die Aktie steigt. Das hängt auch zusammen, aber ich glaube, Amazon versucht gerade, sich öffentlich als großer Krisenhelfer zu verkaufen und wird gestärkt aus der Krise hervorgehen, was sich dann natürlich auf den Aktienkurs positiv auswirken wird.

Trotzdem wurden über den Amazon Relief Fund Spenden gesammelt, um externen Mitarbeiter*innen nach Beantragung von Leistungen Geld im Krankheitsfall zu zahlen. Das Gesamtvolumen sind 25 Millionen Dollar, während Amazon genügend Gewinn macht, um allen den Lohn im Krankheitsfall zahlen zu können.

Das kann steuerliche Gründe haben, ich kenne mich mit dem Spendensystem in den USA aber nicht so aus. Die Situation ist in jedem Fall aber so, dass ich hier in Deutschland per Weisung der Geschäftsleitung bei vollem Geld in die Quarantäne geschickt wurde. Ein Kollege in der gleichen Situation, der bei unserem internationalen Treffen in Madrid dabei war, wird trotz mehrfacher Proteste gezwungen, weiter zu arbeiten.

Es gab öffentliche Aufrufe von Kolleg*innen „We won‘t build it“ und „Amazon Workers International“, den Gesundheitsschutz zu verbessern, bzw. sogar die Arbeit einzustellen. Wie vernetzt sind Initiativen der Kolleg*innen in Deutschland und international?

Die Erklärung und Forderungen der „Amazon Workers International“ haben wir bei unserem internationalen Treffen in Madrid beschlossen. Dort hatten wir Leute aus nahezu allen europäischen Ländern, in denen Amazon vertreten ist, aber auch aus den USA. Es war für uns auch wichtig, zu sagen, dass Amazon einen massiven Beitrag in die öffentlichen Gesundheitssysteme einzahlen muss, angesichts seinen hohen Einnahmen, damit die Krise zumindest teilweise gestemmt werden kann. Amazon kann das nicht alles allein zahlen, aber das ist eine Forderung, die wir als Amazon-Beschäftigte aufgestellt haben. Es ist aber vernünftig, wenn auch andere Konzerne da zur Verantwortung gezogen werden.

Welche Initiativen gibt es in Deutschland und was fordern sie?

In Deutschland sind wir hauptsächlich über ver.di organisiert, wenn auch nicht an allen Standorten. Amazon ist uns da leider immer ein, zwei Schritte voraus. Wenn ein neuer Standort geöffnet wird, muss man erst einmal Kolleginnen und Kollegen finden, die bereit sind, in die Gewerkschaft einzutreten und sich zu aktivieren. Es gibt zum einen die Vernetzung auf Gewerkschaftsebene, bei der die lokalen Sekretärinnen und Sekretäre aller Standorte miteinander Telefonkonferenzen führen und Treffen abhalten, um Strategien zu planen und zu koordinieren. Das ist flankiert durch einen regelmäßigen Austausch der Vertrauensleute der verschiedenen Standorte. Das machen wir in der Regel über Vertrauensleutestrukturen, die gewählte Sprecherinnen und Sprecher oder speziell beauftragte Kolleginnen oder Kollegen haben, die sich mit der Vernetzung beschäftigten. Momentan haben Skype-Konferenzen einen ganz starken Aufwind.

Das ist meine nächste Frage: In den ver.di-Strukturen wurden logischerweise alle physischen Treffen abgesagt, wie überall sonst auch. Es gab jedoch keine Diskussion darüber, ob virtuelle Alternativtreffen angeboten werden. Die ehrenamtlichen Gremien sind so zur Untätigkeit verdammt. Da wäre es interessant, zu hören, wie der Austausch in anderen Bereichen gerade in einer so zugespitzten Lage funktioniert, wo Beschäftigteninteressen zurückgedrängt werden und wie man da Gegenwehr organisieren kann. Wie läuft denn der Austausch?

Das läuft im Prinzip so ab, als würden wir uns treffen, mit einigen Einschränkungen. Wir sind durch unseren Unterstützerkreis aus Leipzig darauf gestoßen, da wir in einigen Städten Soli-Komitees haben, in denen sich Studierende oder Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler engagieren und Menschen aus Bereichen, die auch sonst politisch aktiv sind und international vernetzt sind. Die kannten das aus der Praxis und haben vorgeschlagen, dass wir eine Skype-Konferenz machen könnten. Wir haben daraufhin alle verfügbaren Vertrauensleute kontaktiert und das läuft bislang ganz gut.

Das ist also auch eine bundesweite Koordination?

Ja. Wir haben es zwar noch nicht geschafft, alle mit ins Boot zu holen, da nicht alle auf dem gleichen technischen Stand sind und das Schichtsystem schwierig ist. Wir haben uns aber auf eine feste Zeit geeinigt und telefonieren jeden Sonntag. Genauso läuft es im Grunde mit der internationalen Vernetzung.

Das ist ein interessantes Beispiel für andere Bereiche, wie man sich koordinieren kann. Ihr hattet zwar keine Tarifrunde gerade, aber in anderen Branchen wurden Tarifverträge über Nacht abgeschlossen oder Tarifrunden verschoben, ohne dass dort eine ausreichend breite Diskussion stattgefunden hätte. Es wäre interessant zu erfahren, ob ihr so auch eine Entscheidungsstruktur für bestimmte Fragen geschaffen habt.

Das haben wir im Grunde genommen bereits. Unser lokales Vertrauensleute-Treffen findet alle sechs Wochen über eine ver.di-Telefonkonferenz statt. Da wir ein Einzugsgebiet von bis zu 150 Kilometern an unserem Standort haben, ist das gar nicht anders möglich, da müssen wir so oder so erfinderisch sein, um in Kontakt zu bleiben. Manchmal dauert es etwas länger, aber es funktioniert ganz gut.

Bei Amazon sind wir seit mittlerweile sieben oder acht Jahren in der Tarifrunde, wenn man so will. Das heißt, wir organisieren uns so oder so ständig, das ist alternativlos. Wir könnten gar nicht sagen, dass wir mal vier Wochen nichts machen.

Welche Rolle spielt die Gewerkschaft ver.di dabei gerade? Mit dem AWI habt ihr Forderungen aufgestellt, die erkämpft werden müssen. Das ist nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern eine Frage der gewerkschaftlichen Organisation und des Kampfes. Wie siehst du da gerade die Möglichkeiten?

Ich sehe die Möglichkeiten als gar nicht so schlecht an. Gerade die Einstellung vieler Kolleginnen und Kollegen gegenüber der Geschäftsführung ändert sich ganz deutlich. Man sieht, dass man denen vielleicht doch nicht so wichtig ist. Von daher sehe ich da ein großes Potential. Deshalb wäre es fatal, wenn wir gar nichts machen würden. Die Frage des Durchkämpfens ist schwierig, da gibt es selbst unter den Vertrauensleuten unterschiedliche Ansichten. Wir hatten bei uns lokal beschlossen, dass wir zusammen mit den französischen Kolleginnen und Kollegen in den Streik treten. Da sind wir erst einmal an den bürokratischen Hürden gescheitert.

Wir haben den Streik nicht genehmigt bekommen. Wie das formal ablief, weiß ich nicht, da wir eigentlich genehmigte Streiktage haben und ursprünglich wäre zu Ostern etwas geplant gewesen. So wie wir das jedoch beobachten, hat sich die offizielle Seite der Gewerkschaft erst einmal in die Corona-Pause verabschiedet. Man sieht zwar noch Videos, aber der erste Mai wurde ja auch schon frühzeitig abgeblasen.

Wir hätten schon Ideen gehabt, wie man das vor Ort machen könnte, das haben sie in Frankreich ja auch gemacht. Wenn ich auf der Arbeit zwei Meter Abstand halten kann, kann ich das bei einer Streikversammlung ja auch machen. Dann kam natürlich noch das Versammlungsverbot. Wir hätten trotzdem noch Wege gefunden, das zu organisieren. Ich möchte aber auch nicht verschweigen, dass wir das innerhalb der Vertrauensleute auch kontrovers diskutieren würden.

Selbst wenn aktuell keine Streiks durchgeführt werden, können wir die jetzige Situation und Aufmerksamkeit nutzen, um unsere Forderungen vorzutragen, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren, Unterstützung zu gewinnen und Leute zu mobilisieren, um später dann umso härter zuschlagen zu können. Wir haben jetzt das Argument, dass Amazon für einen begrenzten Zeitraum die Löhne um zwei Euro erhöht, wir wollen aber, dass es so bleibt. Wir liegen ohnehin bei den Löhnen noch weit hinter dem zurück, was wir eigentlich für einen Tarifvertrag fordern. Mit den zwei Euro mehr, kämen wir vielleicht in die Nähe der eigentlichen Forderungen. Man muss dazu sagen, dass die zusätzlichen Euros sowieso in der einen oder anderen Form gezahlt werden. Es gibt als Anwesenheitsprämie bei Amazon immer den „Peak-Bonus“, der zu bestimmten Zeiten zehn Euro pro Tag extra bei Erscheinen beträgt. Das wurde jetzt zum Beispiel gestrichen.

Was ist deine generelle Einschätzung der Situation jetzt gerade und welche Forderungen im Sinne aller Beschäftigten wären jetzt wichtig?

Da fällt mir eigentlich nur Folgendes ein: Man sieht gerade, wer das Land am Laufen hält. Das sind die Leute, die in den Krankenhäusern, die im Pflegebereich arbeiten, das sind die Kassiererinnen und Kassierer oder eben die sogenannten „Niedrig-Qualifizierten“ in den Versandlagern – und die feinen Herren sitzen im Home-Office. Jetzt sieht man gerade, auf wen man in der Gesellschaft verzichten kann und auf wen nicht. Vielleicht findet da ein Umdenken für die Zukunft statt, ob die Leute unten nicht mehr am gesellschaftlichen Reichtum teilhaben sollten. Pflegekräfte sind knapp, Krankenhausbetten sind knapp und das ist kein Zufall.

Du hattest gesagt, dass bei euch Kolleginnen und Kollegen feststellen, dass sie der Geschäftsführung vielleicht doch nicht ganz so wichtig sind, wie immer behauptet, und dass da ein Umdenken stattfindet. Denkst du, dass daraus auch das Potential für eine gesellschaftliche Veränderung erwachsen kann?

Ich denke schon. Es kommt darauf an, wie die Organizerinnen und Organizer das auch aufgreifen können, aber Stimmung nehme ich so wahr, dass viele in der jetzigen Situation erkannt haben, wie wichtig gewerkschaftliche Organisierung ist. Leute, die vorher gegen die Gewerkschaft waren, treten jetzt ein, mit dem klaren Argument, dass die Krise kommt und sie sehen, wie die wirklich wichtigen Leute in diesem Land behandelt werden. Die entscheidende Frage ist, ob das ein Gefühl ist, dass nach ein, zwei Monaten wieder abebbt oder wir etwas daraus organisieren.

Die Frage ist ja auch, welches Angebot man bekommt. Nach der letzten Krise hat nicht nur ver.di, sondern der gesamte DGB ausgestrahlt, dass wir jetzt die Füße still halten und den Gürtel enger schnallen müssen, um gut durch die Krise zu kommen und sind alle am Standort Deutschland. Wenn das die Antwort ist, kann man schnell Leute frustrieren, die jetzt in die Gewerkschaft eintreten.

Das ist auch ein Grund, warum wir uns verstärkt direkt miteinander austauschen. Wir legen viel Wert darauf, dass wir hauptsächlich untereinander Kontakt haben und nicht in erster Linie mit Gewerkschaftssekretären, auch wenn ich nicht alle über einen Kamm scheren will. Das ist aber das Wichtigste, dass die Aktiven in den Betrieben jetzt eine gute Arbeit machen müssen, um mit anderen zu kommunizieren. Das muss jetzt gemacht werden und da gibt es jetzt ein großes Potential.

Durch unsere internationale Vernetzung können wir auch eine länderübergreifende Perspektive aufwerfen. Während bis vor einem Jahr zum Beispiel in den USA gar nichts ging, hatten wir seitdem relativ viele „Walk-Outs“, mit denen Leute beginnen, sich zu wehren. Bei den Organizern, mit denen ich Kontakt habe, laufen gerade die Drähte heiß. Die Krise betrifft nicht nur ein Land, deshalb sind die Möglichkeiten umso größer.

Vielen Dank!


* Wir danken dem Manifest-Verlag für die freundliche Erlaubnis zur Veröffentlichung


 

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*