Zwischen Anpassung und Rebellion
Entwicklung der »Fridays for Future-Bewegung« (FFF)

Korrespondenz

Greta Thunberg “Skolstrejk för klimatet” Quelle: Wikipedia

Als sich die schwedische Schülerin Greta Thunberg im August 2018 nach den Sommerferien weigerte wieder in die Schule zu gehen und stattdessen für Maßnahmen gegen den fortschreitenden Klimawandel demonstrierte, löste dies eine unerwartete Dynamik aus. Die Warnung, die Erderwärmung werde die Erde zu einem kaum mehr bewohnbaren Planeten machen, traf den Nerv einer ganzen Generation. Zunächst nur in Schweden, dann aber in immer mehr Ländern folgten viele Schüler*innen dem Beispiel Greta Thunbergs. Innerhalb weniger Wochen formierte sich die Bewegung „Fridays for Future“ (FFF), die dazu aufrief, freitags die Schule zu boykottieren und für Klimaschutz zu demonstrieren.

Ihren Höhepunkt hatte die Bewegung am 20.9.2019, dem ersten sog. Globalen Klimastreik. Alleine für Deutschland wird eine Zahl von 1,3 Millionen Teilnehmenden genannt. An vielen Orten waren es die größten Demonstrationen, die es in den letzten Jahrzehnten gegeben hatte. Es waren nicht nur Jugendliche, auch viele Ältere beteiligten sich. Die Erwartung war groß, dass sich Politik und Wirtschaft nun nicht mehr umhinkämen und endlich wirksame Maßnahmen beschließen müssten. Doch die Verantwortlichen ließen sich dadurch kaum beeindrucken. Zwar gab es Gipfeltreffen und Konferenzen zum Thema Klimaschutz, die dabei erzielten Ergebnisse zeigen jedoch vor allem den Willen, so weiterzumachen wie bisher.

Wie bei allen sozialen Bewegungen, die keinen unmittelbaren Erfolg erringen können, führte diese Erfahrung auch bei „Fridays for Future“ einerseits zu Resignation und andererseits zu einem Differenzierungsprozess unter den weiterhin Aktiven. Die Demonstrationen zum zweiten internationalen „Klimastreik“ im November waren zwar immer noch sehr groß, doch hatten daran schon deutlich weniger Menschen teilgenommen als im September. Gerade unter den Schüler*innen sahen viele keinen Sinn mehr in solchen Demonstrationen.

Corona führte bei FFF wie auch bei anderen Initiativen zu einer Lähmung. Große Demonstrationen waren nicht möglich, aber auch die Kommunikation zwischen den Aktiven war sehr erschwert. Ein Aktionstag im April 2020 fand hauptsächlich online statt und fand in der Öffentlichkeit wenig Beachtung. Am 25.8. rief FFF erstmals wieder zu größeren Aktionen auf. Die Beteiligung war für die Organisierenden zwar zufriedenstellend, insgesamt waren es aber deutlich weniger als noch im November 2019. Immer mehr Schüler*innen stellen den Sinn solcher Demonstrationen infrage, zumal im Frühjahr durch den Corona-Lock sowieso schon viel Unterricht ausgefallen war und sie durch die Teilnahme nicht noch mehr Unterricht versäumen wollten.

Wesentlicher dürften aber die Entwicklungen bei FFF selbst sein. Viele besuchen mittlerweile nicht mehr die Schule, studieren, machen eine Lehre oder Bundesfreiwilligendienst. Unter den nachfolgenden Jahrgängen finden sich nicht mehr so viele Aktive. Die Anziehungskraft der Bewegung hat nachgelassen.

Verschärfend kommt hinzu, dass es unter den verbliebenen Aktivist*innen große politische Differenzen gibt. Die Passivität der Politik und die geringen Erfolge der Demonstrationen führten zu unterschiedlichen politischen Schlussfolgerungen. Als Konsequenz will ein Teil selbst in der Politik mitmischen, bevorzugt natürlich bei den Grünen, aber auch bei anderen Parteien oder mit selbständigen Kandidaturen in einzelnen Wahlkreisen. Die Integration in das politische System ist hierbei zu erwarten.

Andere Aktive haben sich radikalisiert und politisch nach links bewegt. Sie propagieren „systems change – not climate change“ und treten für „Klimagerechtigkeit“ ein. Mit diesem Begriff soll zweierlei zum Ausdruck gebracht werden: Die Reduktion der CO2-Emmissionen soll nicht in allen Ländern im gleichen Umfang erfolgen. Es müsse berücksichtigt werden, wie hoch die Emissionen pro Kopf sind. Das heißt, in den hoch industrialisierten Ländern mit hohem CO2-Ausstoß müsse der Verbrauch fossiler Energien stärker eingeschränkt werden, als in weniger industrialisierten Ländern. Andererseits wird sich mit dem Begriff der Klimagerechtigkeit von solchen Strömungen distanziert, die die CO2-Emmissionen durch Verteuerung der Energieträger reduzieren wollen. Reiche könnten dann ihren aufwändigen Lebensstil problemlos fortführen, während sich die unteren Schichten der Gesellschaft stark einschränken müssten. Sie verbinden den Klimaschutz mit der sozialen Frage, auch um die Akzeptanz ihres Anliegens bei weniger Betuchten zu erhöhen.

Erklärung von Fridays for Future in Darmstadt:

Fridays for Future begann in Deutschland im Winter 2018/19 als unbequeme, kompromisslose Bewegung. Sie entstand aus dem Frust über das Versagen im Umgang mit der Klimakrise und den Kompromissen, die bspw. Umweltorganisationen machen mussten.

(…) Am 20.9.2019 hatte die Mobilisierung ihren bisherigen Höhepunkt, in Deutschland haben 1,3 Millionen Menschen demonstriert.

(…) Im Laufe der Coronakrise hat Fridays for Future Deutschland viel Aufmerksamkeit verloren. Trotz des Netzstreiks am 24.4., der sich um Parallelen zwischen Corona- und Klimakrise drehte, wurden die Inhalte nicht verschärft und keine radikale Systemkritik geäußert. Es wurden nur der offizielle bundesweite Livestream und die Plakataktion vor dem Bundestag von den bundesweiten FFF Kanälen beworben. Andere Ortsgruppen, die offline kreative, coronakonforme Aktionen machten, bekamen keine Bühne.

Fridays for Future Deutschland hat sich inhaltlich wenig weiterentwickelt. Der Fokus liegt hauptsächlich auf der Energiewende und dem Kohleausstieg, während soziale Aspekte, die den Begriff Klimagerechtigkeit ausmachen, vernachlässigt werden. Die Bewegung geht immer mehr Kompromisse mit der Politik ein, wenn bekannte Gesichter wie Luisa Neubauer mit Merkel hinter verschlossenen Türen reden oder Jakob Blasel für die Grünen kandidiert.

Wir sehen die Zukunft von Fridays for Future Deutschland in einer inhaltlichen Zuspitzung und darin mit neuen, radikaleren Methoden effektive politische Veränderung zu erwirken, anstatt mit der Politik zu reden. Wir müssen wieder kompromisslos werden und uns mit Menschen zusammenschließen, die sich für eine sozial gerechte Zukunft einsetzen, z.B. BIPOC-Aktivist*innen („Black, Indigenous, and People of Colour“) und Gewerkschaften. Es ist notwendig, auch in unserer bundesweiten Struktur Hierarchien abzubauen, um mehr Ortsgruppen und damit vielfältigen, antirassistischen, antifaschistischen und feministischen Inhalten Gehör zu verschaffen.

Die Vertreter*innen der Klimagerechtigkeit verbinden ihre Position in der Regel auch mit einer Kritik des Kapitalismus. Dieser Begriff wird jedoch oft mehr als Provokation gebraucht oder dient der moralischen Verurteilung. Kapitalismus gilt zum Teil auch als Ideologie, die es zu bekämpfen gelte. Klassenherrschaft, Mehrwertproduktion oder Produktionsverhältnis sind keine Begriffe, die zur Beschreibung der bürgerlichen Gesellschaft benutzt werden.

Allerdings gibt es kaum Bereitschaft, sich theoretisch intensiver mit den Grundlagen des Kapitalismus auseinanderzusetzen. Die Radikalisierung vollzieht sich eher in der Form zunehmender Militanz. Beispiele hierfür sind die Blockade von Braunkohleabbau und -kraftwerken bei den Aktionen von „Ende Gelände“ oder der Widerstand gegen die Abholzung des Dannenröder Forsts in Nordhessen für den Bau einer Autobahn. Mit zunehmender Politisierung wurden auch neue Themen entdeckt. Antifaschismus, Fluchtbewegungen, Antirassismus und Feminismus gehören mittlerweile zum festen Bestandteil der Politik des linken Flügels der Bewegung.

Auch eine Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften wird angestrebt. Für die Tarifrunde Nahverkehr gab es Kontakte und Absprachen zwischen FFF und verdi. Streiks im Nahverkehr sollten genutzt werden, um die Notwendigkeit einer Verkehrswende zu propagieren und die Bedeutung guter Arbeitsbedingungen in diesem Sektor deutlich zu machen. Als FFF am 25.9.2020 zum internationalen Aktionstag aufrief, war die Tarifrunde Nahverkehr bereits am Laufen und es gab keine Friedenspflicht. Verdi rief die Beschäftigten des Nahverkehrs jedoch nicht zur Teilnahme an diesen Aktionen auf, sondern setzte ihre Warnstreiks für den Dienstag der Folgewoche an. Zu den Streikversammlungen erschienen dann teilweise Delegationen von FFF und drückten ihre Solidarität aus, gemeinsame Aktionen wurden so aber verhindert.

Solidaritätserklärung mit den streikenden Beschäftigten im ÖPNV

Wenn wir die Klimakatastrophe noch stoppen wollen, müssen wir den Autoverkehr deutlich reduzieren. Nur mit einem guten öffentlichen Nahverkehr können die CO2-Emissionen im Verkehr deutlich verringert und damit dafür gesorgt werden, dass der Verkehrsbereich endlich seinen Beitrag  zur Einhaltung der Pariser Klimaziele beiträgt. Gute Bus- und Bahnanbindung mit kurzen Wartezeiten, verlässlichen Anschlüssen, dichterer Taktung, neuen Haltestellen und Linien sind Voraussetzung für das Gelingen der Mobilitätswende.

Dafür braucht es gute Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten im öffentlichen Nahverkehr:  ausreichende Personalausstattung und gute Bezahlung. Die Arbeitgeber haben in den laufenden Tarifverhandlungen die Chance einen ersten Schritt zu machen, indem sie bundesweit attraktive Arbeitsbedingungen schaffen. Leider geben sie bisher kein Signal, dies auch zu tun.

Es ist deshalb nachvollziehbar und notwendig, dass Beschäftigte gemeinsam mit der Gewerkschaft ver.di mit Warnstreiks auf den Stillstand bei den Verhandlungen reagieren. Als Fahrgäste sind Streiks im Nahverkehr für uns alle zunächst natürlich anstrengend, aber wir alle profitieren von ausgeruhten und gut entlohnten und damit motivierten Bus- und Bahnfahrer*innen. Wir unterstützen die Bus- und Bahnfahrer*innen in ihrem Kampf für bessere Arbeitsbedingungen: Volle Solidarität mit unseren Klimaretter*innen! (…)

Unterzeichner*innen:
Fridays for future Germany, Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Campact, BUNDjugend, Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), Naturfreunde, attac, PowerShift e.V., Sand im Getriebe, Ende Gelände, DGB-Jugend Niedersachsen- Mitte, Parents for future München, Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21, Students for future Hannover, JANUN Hannover, Bündnis Verkehrswende Köln, Parents for future, Bamberg, Naturfreundejugend Niedersachsen, Health for future Leipzig, Changing Cities und 20 weitere Organisationen.

Es ist jedoch zu erkennen, dass der radikalere Teil von FFF auch die Lage der Lohnabhängigen im Blick hat und den Klimaschutz nicht auf ihre Kosten durchsetzen will. Hier gibt es Ansätze zur Zusammenarbeit.


 

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