Das Jahrhundert der Oktoberrevolution

Im Jahr 2017 jährt sich zum hundertsten Mal das Ereignis der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution in Russland. Wir als Gruppe Arbeiterpolitik nehmen diesen Anlass wahr, unsere Sicht auf diese große weltgeschichtliche Wende im Lichte der seitherigen Geschichte und besonders der heutigen Lage aufzuarbeiten. Dabei greifen wir auf unser historisches Verhältnis zum sozialistischen Aufbau in der Sowjetunion und unsere politischen Stellungnahmen zurück, die im Laufe der Zeit ebenfalls zwangsläufig ihre eigene Entwicklung hatten. Wir haben uns als kleine kommunistische Gruppe – je nach unseren Kräften und Möglichkeiten – über die Jahrzehnte um die Auswertung und Kommentierung von Informationen bemüht, die uns zugänglich waren. Wir haben unsere Kritik vorgebracht, weil die konkrete Form dieser Gestaltung einer sozialistischen Gesellschaft nicht unseren Voraussetzungen im Westen, damit auch nicht unseren Vorstellungen entsprach – nicht entsprechen könnte. Stets aber haben wir positiv den historischen Fortschritt gewürdigt, den der in der Sowjetunion in Angriff genommene Übergang von der kapitalistischen in die sozialistische Vergesellschaftung prinzipiell darstellte.

Bei der Beurteilung geschichtlicher Ereignisse und Prozesse halten wir uns an die dialektische und materialistische Geschichtsauffassung, die nicht von noch so gut gemeinten Idealvorstellungen, sondern von gegebenen Bedingungen und realen Entwicklungsmöglichkeiten ausgeht. Grundsätzlich geht es uns in der Beschäftigung mit der Oktoberrevolution um unser Sozialismus-Bild, mit dem wir heute und mit Blick auf die Zukunft arbeiten müssen. Deshalb stellen wir in diesem Artikel theoretische/prinzipielle Auffassungen von Marx und Engels in der Aufarbeitung durch Thalheimer in den Mittelpunkt und versuchen in diesem Rahmen eine darauf konzentrierte Aktualisierung im Licht unserer Gegenwart

Kriterien einer sozialistischen Gesellschaft

Marx und Engels haben uns wenig Konkretes dazu hinterlassen, wie eine sozialistische Gesellschaft auszusehen hätte. An solchen (abstrakten) Modellvorstellungen sowie praktischen Versuchen zu genossenschaftlicher Produktionsweise hat es in ihrer Zeit nicht gemangelt, doch sie selbst hatten gute Gründe, sich auf kritische Analyse des Kapitalismus zu konzentrieren. Kommunismus war für sie kein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten habe, sondern die wirkliche Bewegung, die den jetzigen Zustand aufhebt und die sich aus ihren Voraussetzungen ergibt[1] .Die Anforderungen an eine Revolution mit sozialistischer Zielsetzung stellen sich sehr unterschiedlich nach der Struktur des Landes dar in dem sie stattfindet. 1917 war es Russland, in dem bis auf wenige hochkonzentrierte Industriestandorte noch überwiegend agrarische Wirtschaft herrschte, so dass die Entwicklung industrieller Produktivkräfte erst einmal nachzuholen war.

Zeitgleich war das zentrale Problem in Deutschland die Spaltung der Arbeiterbewegung. Hier stand die revolutionäre Minderheit den reformistischen Kräften gegenüber, die den Weg der Zusammenarbeit mit der herrschenden Klasse gingen. Bekanntlich setzten die Bolschewiki darauf, dass auch im Westen die Revolution gelänge. Das wäre die Voraussetzung gewesen, dass der Aufbau des Sozialismus in Russland nicht in diesem Lande isoliert hätte stattfinden müssen, sondern Unterstützung erfahren hätte. Statt dessen aber kamen vom Westen her die größten Bedrohungen, von der Intervention in die Bürgerkriege über den faschistischen Überfall im Zweiten Weltkrieg bis zur Dauerkonfrontation im Kalten Krieg. Wären die wichtigsten imperialistischen Länder damals nicht so sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen (z. B. Deutschland mit der eigenen Revolution, Großbritannien mit Arbeiterprotesten gegen eine Fortsetzung des Krieges), hätte die russische Oktoberrevolution durchaus ein frühzeitiges Ende durch Intervention von außen finden können.

Folgt man der grundlegenden Einsicht in die Kompliziertheit und Verschiedenheit kapitalistischer Vergesellschaftung als Ausgangslage für einen Aufbau des Sozialismus, so droht auf der anderen Seite die Beliebigkeit des Weges, der dann einzuschlagen wäre. Daher muss es Kriterien dazu geben, was denn eine sozialistische Gesellschaft auszeichnet. Nach dem Verständnis von Marx und Engels ist es die Aufgabe der Arbeiterklasse, sich selbst zu befreien und damit auch das Ende von jeder Ausbeutung im historischen Maßstab einzuleiten. Alles Konkretere dazu ergibt sich aus dem jeweiligen Stand der Produktivkräfte.

Nach Auffassung von Marx und Engels entwickelt eine Gesellschaftsformation (Feudalismus, Kapitalismus) die Voraussetzungen der nächstfolgenden in ihrem Schoß. Sie geht nicht unter, solange diese Bedingungen nicht erfüllt sind. Doch diese Aussage musste pauschal bleiben, sie war nicht mit konkreten Zahlenverhältnissen zu bestimmen. Es müssen »materielle Mittel« und der »Keim zu Verhältnissen« vorhanden sein, die es erlauben, zu einer höheren Gesellschaftsstufe überzugehen. Das Proletariat ist der Totengräber der Bourgeoisie, den diese zwangsläufig selbst erzeugt. Aber wie genau muss seine gesellschaftliche und politische Reife entwickelt sein, um die Revolution zu machen? Das musste in Russland erst die Praxis zeigen, in der Lenin eine vorwärtstreibende Rolle einnahm. Das Ergebnis, historisch gesehen, war ambivalent, weil es Ausdruck von Stärken und Schwächen des russischen Proletariats zugleich war. Es ist bekannt, dass Marx und Engels sehr skeptisch der Möglichkeit gegenüberstanden, dass eine revolutionäre Bewegung in Russland in der Lage wäre, das grundsätzlich notwendige Stadium des Kapitalismus zu überspringen. Für ganz unmöglich hielten sie es nicht, sofern eine weitergehende Revolution im Westen stattfinden und der russischen Entwicklung Unterstützung geben könnte. Das war der Punkt, an den – in einer inzwischen höheren Phase des russischen Kapitalismus – Lenin und die Bolschewiki ihr revolutionäres Konzept anknüpften.

Die Organisation der Produktion und der Verteilung der Produkte ist ebenfalls nicht in konkreten Details vorhersehbar. Sie hängt vom historisch erreichten Grad der Vergesellschaftung ab. Sozialismus ist die Vereinigung persönlich freier Menschen, die mit vergesellschafteten Produktionsmitteln arbeiten und ihre individuellen Arbeitskräfte selbstbewusst als eine gesellschaftliche Arbeitskraft verausgaben. Aus der so entwickelten Form der Produktion ergibt sich die Verteilung. Sie ist wandelbar und hängt von den realen Möglichkeiten ab. Marx und Engels machten in ihrer ökonomischen Analyse die Frage, ob eine Gesellschaft sozialistisch ist, nicht davon abhängig, ob sie in der Lage ist, Wohlstand und Verteilungsgerechtigkeit für alle herzustellen. Aber es muss ihr Ziel sein. Anders als im Kapitalismus ist die Möglichkeit hier erst gegeben.

Das ist möglich, weil die Schranke des privaten Eigentums gefallen ist. Die Aufhebung der kapitalistischen Wirtschaft erfordert unbedingt die Enteignung der Kapitalisten und die Aneignung der Produktionsmittel durch das gesellschaftliche Kollektiv der Produzenten. Zu besonderen Formen des gesellschaftlichen Eigentums äußerten sich Marx und Engels nicht. Wichtig ist: Die kapitalistische Wirtschaft hört erst dann auf, wenn die Klasse der besitzenden Nichtproduzenten, die Kapitalisten, enteignet ist.

Die theoretischen Vorstellungen von Marx und Engels wurden von August Thalheimer in der Broschüre »Die Grundlagen der Einschätzung der Sowjetunion« verarbeitet. Sie sei hier zum Weiterlesen wärmstens empfohlen. Als Grundlagen einer Gesellschaft, die man als sozialistisch bezeichnen kann (auch in dem Sinne, dass sie den Aufbau des Sozialismus zielbewusst betreibt), werden dort folgende vier Kriterien[2] aufgeführt:

  1. Sozialistische Wirtschaft ist im Ganzen Planwirtschaft.
  2. Sie ist Produktion unmittelbar für den Bedarf (nicht für Profit).
  3. Sie führt in der Tendenz, d. h. vom jeweiligen Ausgangsniveau, bewusst, d. h. als Ziel der Produktion, zur Hebung der allgemeinen Lebenshaltung.
  4. Die Kapitalistenklasse ist aufgehoben, Produktionsmittel befinden sich im gesellschaftlichen Eigentum.

Im Unterschied zu vielen anderen Strömungen der Linken haben wir an diesen Maßstäben immer festgehalten. Auf diese Weise haben wir auch versucht, konkrete Vorgänge in Ländern wie der Sowjetunion, der DDR, China etc. unter deren Bedingungen zu verstehen. Dabei ist es selbstverständlich, dass auch wir mit Sozialismus letztendlich ein gutes Leben für alle verbinden, das im Kapitalismus mit seiner strukturellen Ausbeutung und Krisenhaftigkeit nicht möglich ist; insofern ist unter einer sozialistischen Gesellschaft mehr zu verstehen als ihre Grundlagen. Doch die Voraussetzungen in den Ländern und Regionen der Welt und in den einzelnen Phasen der Geschichte sind höchst unterschiedlich. Das gilt es zu begreifen, wenn man sich mit dem Aufstieg, der über sieben Jahrzehnte währenden Existenz und auch dem Scheitern dieser ersten weltgeschichtlichen Phase eines Sozialismus befasst, der auf den Trümmern des halbfeudal-bürgerlichen Zarenreiches in Russland aufgebaut wurde. Die russischen Revolutionäre mussten sich innergesellschaftlich mit vorgefundenen Umständen der relativen Rückständigkeit auseinandersetzen und nach außen gegen Interventionen, Kriege und Einkreisungspolitik der imperialistischen Mächte zur Wehr setzen.

Zur Bedeutung der Oktoberrevolution

Um es noch einmal zu betonen: Es war eine im Verhältnis zur Masse der Bauernbevölkerung sehr kleine Arbeiterklasse, die sich im Oktober 1917 in Russland durchsetzte. Die Bauern hatten die revolutionäre Phase eingeleitet, als sie von der Kriegsfront desertierten, um zu Hause den Boden der Grundbesitzer aufzuteilen. Die im Rahmen der bürgerlichen Februarrevolution an die Regierung gekommenen politischen Kräfte waren jedoch weder willens noch in der Lage, die Bedürfnisse und Forderungen der Massen nach Beendigung des Krieges, Verbesserung der Ernährungslage und Verteilung des Landbesitzes zu erfüllen. Deshalb trieben die sozialen und politischen Konflikte die Entwicklung weiter zur sozialistischen Revolution. Die Kräfte der sozialistischen und sozialrevolutionären Linken waren auf mehrere Parteien verteilt. Unter ihnen hielten selbst die Bolschewiki in ihrer Mehrheit die sozialistische Revolution in Russland noch nicht für möglich. Die schließlich von Lenin durchgesetzte Strategie der Oktoberrevolution fand jedoch keine Fortsetzung im industrialisierten Westeuropa (die deutsche Revolution brachte nur bescheidene reformistische Erfolge). Um sich nicht den Imperialisten zur Ausbeutung zu ergeben, sah sich die russische Arbeiterklasse unter ihrer bolschewistischen Führung gezwungen, den revolutionären Vorposten, den sie erkämpft hatte, zu verteidigen und mit eigenen Kräften so gut wie möglich zu entwickeln.

Die Revolution sollte die »Diktatur« des Proletariats und der armen Bauernschaft sein, d. h. der Sturz und die gewaltsame Niederhaltung der bisherigen Ausbeuterklassen. Der aus der Revolution hervorgegangene Staat beruhte auf dem Rätesystem, d. h. der Wählbarkeit und unmittelbaren Verantwortlichkeit der Delegierten. Die erste Verfassung von Juli 1918 bestimmte die Sozialisierung des Eigentums am Boden und an den Produktionsmitteln aller Art, sie erklärte die Annullierung der Schulden, die das Zarenregime beim internationalen Finanzkapital gemacht hatte, sie öffnete die Archive der auswärtigen Politik und der Geheimdiplomatie und proklamierte ihre Solidarität mit den Ausgebeuteten in aller Welt und in Gegnerschaft zu allen Formen der Unterdrückung. Die Imperialisten aller übrigen Länder empfanden das als Kriegserklärung gegen sie selbst und handelten, soweit es in ihren Möglichkeiten stand. Darüber sollte sich niemand wundern.

Die hier angedeuteten Schwierigkeiten der inneren Verfassung und der äußeren Konfrontation prägten Formen und Inhalte, die der Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft in Russland (der Sowjetunion) annahm und die nach sieben Jahrzehnten schließlich zum Scheitern führten (wir verweisen auf unsere Broschüre »Weiße Flecken«, s. Kasten). Die spätere Verhärtung und schließliche Erstarrung im Stalinismus und in der bürokratischen Parteiherrschaft, die ärmlichen Lebensverhältnisse der Masse der Bevölkerung, der riesige Anteil an materiellen und sozialen Ressourcen, die die Rüstungspolitik verschlang, die Außenpolitik einer Großmacht – das alles sind keine Umstände, die uns als Kommunisten/Sozialisten gefallen; wir beschönigen sie nicht. Es sind Bedingungen des internationalen Klassenkampfes zwischen der Kapitalistenklasse und den Ausgebeuteten aller Länder.

Die Oktoberrevolution hat die soziale Frage international qualitativ und quantitav auf ein bis dahin ungekanntes Niveau gehoben. Sie prägte das zwanzigste Jahrhundert in unverwechselbarer Weise und wirkt immer noch fort. Die Sowjetunion hat sich gegen konterrevolutionären Druck behauptet und den Faschismus besiegt; nicht zuletzt deswegen ist faschistische Organisierung in der Mehrheit der bürgerlichen Gesellschaft in einem Maße diskreditiert, das offenes Wirken dieser Kräfte erschwert. Sie hat ihre Isolierung zeitweilig durchbrochen und als Weltmacht ein sozialistisches Lager angeführt. Ihr schließlicher Zusammenbruch bedeutet in einer materialistischen Geschichtsauffassung nicht das Scheitern von Sozialismus als Form der Vergesellschaftung der Menschheit überhaupt, sondern das Ende einer Epoche, an die sich dereinst die nächste anschließen kann.

Die soziale Frage ist aus der nationalen und internationalen Politik nicht mehr wegzudenken, welche Form und welchen Inhalt die Auseinandersetzungen auch annehmen. Bis unmittelbar vor der Auflösung der Sowjetunion haben die Parteiführer sich mit der marxistischen Theorie legitimieren müssen. Auf einem anderen Blatt steht, dass Marxismus in der Geschichte der Sowjetunion (nicht nur dieser) zur Legitimationstheorie verkam. Aber er wurde ernst genommen, und es wurde der Beschäftigung mit ihm Raum gegeben. Auch im heutigen China, das dem gesellschaftlichen Inhalt nach kapitalistisch ist, hat Marxismus zumindest im akademischen Bereich eine große Bedeutung. Bei uns dagegen fristet er ein Mauerblümchendasein. Dieser Unterschied kann dann von Gewicht sein, wenn soziale Konflikte und Klassenkämpfe die Gesellschaft grundlegend erschüttern. Dann steht die Frage im Raum, in welche Richtung es weiter gehen soll.

Zum gegenwärtigen »Gedenkjahr«

Im Gedenkjahr der hundertsten Wiederkehr des Datums der Oktoberrevolution sind wir erwartungsgemäß mit einer Flut von Literatur (Bücher, Zeitschriften), Veranstaltungen etc. konfrontiert. Dabei bringen diese Beiträge grundsätzlich bekannte Sichtweisen zum Ausdruck, die es so bzw. ähnlich auch zu Zeiten der noch bestehenden Sowjetunion gegeben hat. Die bürgerliche Öffentlichkeit fühlt sich überwiegend als »Sieger der Geschichte« bestätigt, aber auch beunruhigt davon, dass der Kapitalismus global, in den Hauptländern, in den sogenannten »Transformationsländern«, den Schwellenländern, der abgehängten Peripherie der ärmsten »Entwicklungsländer« und den offenen Krisenzonen dieser Welt nicht so funktioniert, wie es der Propaganda entspräche, und daher unablässig weiter Widerspruchs- und Krisenpotenzial erzeugt. In der bürgerlichen Geschichtsschreibung zur Oktoberrevolution und zur Epoche des sowjetisch-osteuropäischen Sozialismus findet sich daher ein weites Spektrum, dessen Aufgabe darin besteht, die Klassenfrage und die kommunistische Perspektive auszuklammern. In vielen dieser Werke und Beiträge erscheinen Oktoberrevolution und Realsozialismus als blutige Gewaltorgie fanatisierter und machtbesessener Revolutionäre und Stalinisten (nach dem bekannten Muster des »Schwarzbuch des Kommunismus« von 1997). Die aufgeklärtere Variante, häufig von Professoren universitärer »Lehrstühle für osteuropäische Geschichte«, erkennt immerhin an, dass der Sowjetsozialismus eine aus dem Zarismus überkommene rückständige Gesellschaft in riesigen Schritten (im Stile einer »Entwicklungsdiktatur«) vorangebracht und so den Anschluss an die »Moderne« geschafft habe. Doch auch für diese »seriöse« Richtung ist der gegenwärtige Kapitalismus mit eindeutigem Vorrang der Marktwirtschaft in der Ökonomie und Wertvorstellungen bürgerlicher Demokratie die Richtschnur, an der die Geschichte der Sowjetunion gemessen und letztlich für überholt und verdient gescheitert erklärt wird.

Aber auch in der vielfältigen Szene derjenigen, die ihre politische Identität in unterschiedlicher Ausprägung mit der Oktoberrevolution und den daraus mehr oder weniger hervorgegangenen Vergesellschaftungsformen verbunden haben oder in ihrer Tradition noch verbinden, finden wir vieles, das wir aus unserer Sicht sehr kritisch beurteilen oder gar als Irrweg zurückweisen müssen. Da geht es vor allem um Ansätze allzu unkritischer Solidarität oder Bündnishaltung, die über offensichtliche Missstände, Fehlentwicklungen und Widersprüche hinwegsehen möchten. Es geht auch um solche Positionen, die einseitig eine heroisierende Geschichte der Revolution und des sozialistischen Aufbaus vertreten, die mit dialektisch-materialistischer Analyse nicht viel zu tun hat und das schließliche Scheitern nur noch durch recht willkürliche Verschwörungstheorien »erklären« kann.

Die Oktoberrevolution war einerseits ein Ereignis der russischen Nationalgeschichte, erklärt sich aus deren Voraussetzungen und wirkt auch in der heutigen kapitalistischen Realität Russlands nach (vgl. Arbeiterpolitik Nr. 4/2016). Vor allem aber war sie mit der Existenz der Sowjetunion eine Etappe der globalgeschichtlichen Phase des Übergangs zum Sozialismus, die momentan unterbrochen scheint. Vom heutigen Standpunkt aus können wir nicht wissen, wie es mit dieser Entwicklung global weitergeht. Die materiellen Voraussetzungen sind gegeben, aber die politischen Faktoren sind das Schwierige. Wir setzen auch unter gegenwärtig widrigen Bedingungen auf den Ausweg, den wir im Interesse der übergroßen Mehrheit der Weltbevölkerung von den reichsten Industrieländern bis zu den ärmsten Entwicklungsländern für den einzig realistischen halten: die Aufhebung der kapitalistischen Ausbeutung durch die Arbeiterklasse selbst, die als historisch letzte unterdrückte Klasse durch ihre eigene Revolution jede Klassenherrschaft beseitigt.

Aber in den heute so stark veränderten Strukturen muss auch klar sein, dass sozialistische Theorie und Praxis sich nicht mehr an vergangenen internationalen Lagerbildungen orientieren kann. Heute kann und muss sie sich in der Kritik am gegenwärtigen Kapitalismus und seinen gewaltig gesteigerten Destruktivkräften in der ökonomischen, sozialen, ökologischen, militärischen Dimension legitimieren. In der Geschichte des Kapitalismus hat es bei aller Bewusstheit über die Realität der Klassengesellschaft immer tiefgreifende objektive und subjektive Spaltungen in der Arbeiterklasse gegeben. Aktuell ist der weitgehende Verlust von Klassenbewusstsein in den Gewerkschaften und der politischen Linken ein zentrales Problem. Es kommt darauf an, daraus einen Ausweg zu finden. Geschichtsbewusstsein vor dem Hintergrund der Erfahrungen mit Aufstieg und Niedergang der historischen Epoche des Sowjetsozialismus ist hier ein zwar nicht hinreichendes, aber notwendiges Fundament in der Auseinandersetzung mit der Realität der Klassengesellschaft im Kapitalismus.

18.3.2017


Zu unserer Broschüre »Weiße Flecken«

In den Jahren der entscheidenden Auseinandersetzung in der Sowjetunion um den Bestand und die Fortsetzung des sozialistischen Aufbaus, von 1988 bis 1990, haben wir in der »Arbeiterpolitik« eine Reihe von sechs aufeinander aufbauenden Artikeln geschrieben, die wir unter der gemeinsamen Überschrift »Weiße Flecken« zusammenfassten und dann auch als Broschüre veröffentlichten. Unsere damalige Beurteilung der Vorgänge geschah im Feuer aktueller Vorgänge, und demgemäß unterschied sie sich deutlich von einem Resümee, dass wir heute zu ziehen hätten, zum hundertsten Jahrestag, vor allem aber in einem zeitlichen Abstand, der diese Phase zu einer geschichtlichen macht. Wir haben damals mit den genannten Beiträgen versucht, Verständnis für die Schwierigkeiten beim historischen Aufbau des Sozialismus in Russland zu wecken bzw. zu vertiefen, um in dieser international wie national entscheidenden Auseinandersetzung einen bescheidenen, in unseren Kräften stehenden Beitrag zur Verteidigung der Sowjetunion als realpolitischem Vorposten im Ringen um den Weiterbestand einer Alternative zum Kapitalismus zu leisten. Deshalb haben wir uns in den »Weißen Flecken« auf die Aufbaujahre konzentriert, die die Voraussetzungen des Sieges über den deutschen Faschismus schufen, wobei unsere damalige Darstellung im Jahre 1941 endete.

Gleichzeitig hofften wir, dass in der damaligen innersowjetischen Auseinandersetzung die Arbeiterklasse einen Weg finden möge, zum politischen Subjekt zu werden und die Verteidigung und verbesserte Fortsetzung des sowjetischen Sozialismus auf ihre Fahnen zu schreiben.

Bekanntlich kam es nicht so. Die Positionen in der westlichen Linken zur Bedeutung des Scheiterns der Sowjetunion, teils auch in unserer Gruppe, gingen seinerzeit weit auseinander. So gab es etwa die Illusion, dass dieser Vorgang positiv sei, weil die Arbeiterklasse und die Linke in Ost und West nun von einem »schlechten Beispiel von Sozialismus« und von »bürokratischer Bevormundung durch Moskau« befreit seien. Leider hatten jedoch die recht, die von der historischen Niederlage des real existierenden Sowjetsozialismus eine nachhaltige politische (und moralische) Lähmung und Desorientierung der Arbeiterklasse und der Linken befürchteten. Das ist der Stand der Dinge, von dem wir real ausgehen müssen.

In der heutigen Realität ist uns bewusst, dass die historischen Erklärungen, die sich auf den gesellschaftlichen Rückstand Russlands zur Zeit der Oktoberrevolution und die daraus resultierenden Schwierigkeiten für den Aufbau und die Verteidigung des Sozialismus beziehen, allein nicht mehr genügen. In den Weißen Flecken haben wir beschrieben, unter welchen Zwängen die Sowjetunion zum Stalinismus kam. In nachfolgenden Analysen sollte es darum gehen, zu untersuchen, inwiefern und warum es in den Nachkriegsjahrzehnten nicht gelang, Gesellschaft, Wirtschaft und Staat wirksam zu »entstalinisieren«, Sozialismus und politische Demokratie miteinander zu verbinden und so zu einer höheren Form sozialistischer Vergesellschaftung zu gelangen. Wir sollten uns die Frage vorlegen und zu beantworten versuchen, warum ab den späten sechziger Jahren die Krisen und massiven sozialen Konflikte in der kapitalistischen Welt nicht dazu genutzt werden konnten, den sozialistischen Aufbau in der Sowjetunion zu entlasten, voranzutreiben und attraktiver zu machen. Statt dessen ging in der Phase weltweiter Umbrüche ausgerechnet die Sowjetunion in der Stagnation unter.

Weiße Flecken, Broschüre, 72 Seiten, 7 Euro


[1] Marx, Deutsche Ideologie, MEW 3, S. 35

[2] vgl. August Thalheimer, Die Grundlagen der Einschätzung der Sowjetunion, hrsg. v. Gruppe Arbeiterpolitik, S. 33


 

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*