Diskussionsveranstaltung in Hamburg


Krieg in Syrien – besteht die Gefahr einer Ausweitung?

An einem Samstagnachmittag vier Stunden mit zwei Referenten über den Krieg in Syrien diskutieren – geht das?

Werner Ruf, Kassel, und Joachim Guilliard waren die Referenten, die von einem Bündnis eingeladen waren: MASCH e.V., AK Frieden des verdi-Landesbezirks, Hamburger Forum; weitere Unterstützer waren neun gewerkschaftliche und andere Organisationen.

Zu Beginn um 14.00 Uhr war der Raum im Curio-Haus (GEW) knapp gefüllt, eine gute halbe Stunde später wurde es richtig voll – bis auf den Flur standen ca. 120 Leute. Das Referat von Werner Ruf, Kassel, ausgewiesener, arabisch sprechender Kenner der Nahost-Situation, begann mit der Rolle des Osmanischen Reiches, das unter dem Einfluss vor allem der Briten sich nach und nach auflöste. Entscheidend war 1916 das Abkommen um Einflussgebiete zwischen Briten und Franzosen. Inzwischen sind für den Einfluss westlicher Länder im Nahen Osten die Öl-Lagerstätten ausschlaggebend. Auf welche Menschengruppen trafen diejenigen, die mit dem reichlich fließenden Öl ihre kapitalistische Industrialisierung zuhause befeuern konnten? Syrien ist wie die meisten Länder in Nahost stark religiös geprägt, es gibt allein 18 christliche Minderheiten, neben islamischen Richtungen, die sich hauptsächlich in Sunniten und Schiiten trennen, dazu ethnische Differenzen. Um 1920 entstand im gesamten Nahen Osten eine von feudalen Strukturen unabhängige Bewegung, die Muslim-Brüder. Die wiederum wurden von den wahabitischen Saudi-Clans als zu fortschrittlich bekämpft, bis heute. Diese Gemengelage ist von westlichen Ländern überrollt worden und dieser Prozess ist bei den breiten arabischen Massen als der Verlust ihrer »Würde« wahrgenommen worden. Der Kampf zwischen Sunniten und Schiiten ist ein unversöhnlicher Glaubenskrieg, er wird vor allem von den USA soweit missbraucht, dass z.B. die gesamte irakische sunnitische Führung unter Saddam Hussein nach dessen Sturz durch schiitische Irakis ersetzt wurde. Das praktische Ergebnis die von ist das Entstehen des sogenannten IS. Inzwischen verlieren die USA ihre bisher bestehende Kontrolle im Nahen Osten, regionale Mächte wachsen.

Der zweite Referent, Joachim Guilliard, Heidelberg, skizzierte den Weg Syriens in den Krieg. Er widersprach zunächst der Auffassung von Prof. Ruf, dass die Trennung zwischen Sunniten und Schiiten noch eine Bedeutung wie zu Zeiten des osmanischen Reiches hätte. Auf beiden Seiten gebe es gesellschaftliche, soziale Richtungen. Inzwischen wird die Frage bedeutsam, durch welche Kraft die bisher von den USA gehaltene Rolle ersetzt wird. Es hängt von den Verhandlungen um die Beendigung des Krieges in Syrien ab, ob der derzeit entscheidende Verhandler, Russland, diese Rolle in der Zukunft noch ausbauen kann.

Die anschließende Diskussion, bis dahin waren kaum Zuhörer gegangen, drehte sich hauptsächlich um Nachfragen und Erläuterungen zur Rolle der Kurden, zur Bedeutung der von den Kurden selbstverwalteten Gebieten wie Rojawa, zum Einfluss der NATO-Staaten auf den Nahen Osten.

Einer Kollegin neben mir fiel auf, dass sie im Publikum eine Gruppe von jüngeren Frauen entdeckte, die sie aus einem Kurs der MASCH Wilhelmsburg kannte. Bei Aktivitäten der Flüchtlingshilfe hatten die sich gefunden, dadurch angeregt einen Grundkurs Marxismus der MASCH mitgemacht und nun offenbar diese öffentliche Veranstaltung zum Krieg im Nahen Osten besucht. Auch sie waren Teil der erfreulich regen Diskussion. Der Eindruck, dass Menschen, die sich in den letzten beiden Jahren auf irgendeine Weise für Flüchtlinge engagiert haben, inzwischen empfänglicher sind für allgemeinere Fragen in dieser Gesellschaft, drängt sich auf. Auch eine weitere Veranstaltung in denselben Räumen eine Woche später, zum G20-Treffen, war ebenso voll und lebendig. Nicht nur von Alt-Linken, sondern von Jüngeren, die den Bedrohungen der Zeit nicht nur im Nahen Osten konkret entgegen treten wollen.

04.04.2017

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