Es gibt wohl keinen Gewerkschafter in der Bundesrepublik der noch 50 Jahre nach seinem Tod ein so großes Ansehen genießt wie Willi Bleicher. Allein die Ankündigung, ein neues Buch über ihn vorstellen zu wollen, reichte aus, um am 8. Mai den großen Versammlungssaal des Stuttgarter Gewerkschaftshauses zu füllen[1].
Gekommen waren nicht nur Funktionäre der Gewerkschaften und Historiker der Arbeiterbewegung, die üblichen, die bei derartigen Veranstaltungen schon aus beruflichen Gründen nicht fehlen können, sondern eine Vielzahl von aktiven Gewerkschaftern. Einige kannten ihn noch persönlich, doch der überwiegende Teil der Erschienenen hatte nur von ihm gehört, Filme über ihn gesehen oder etwas über ihn gelesen. Der Eindruck, den er bei ihnen hinterlassen hatte, war derart stark, dass sie mehr über ihn wissen wollten. Sogar Jugendgruppen der Einzelgewerkschaften waren erschienen. Sie hatten in ihren Bildungsseminaren von ihm erfahren und Respekt vor seiner Standhaftigkeit und Geradlinigkeit bekommen.
Die Anerkennung, die Bleicher unter Stuttgarter Gewerkschaftern immer noch genießt, erstreckt sich mittlerweile nicht mehr allein auf die IG Metall, deren Mitglied er seit 1949 war, sondern auf alle Einzelgewerkschaften der Region.
Die Veranstaltung bildete den Abschluss des Begleitprogramms zu einer Ausstellung, die sich mit dem frühen Widerstand gegen den Faschismus beschäftigte. Sie wurde gemeinsam vom DGB, der EVG, ver.di, der IG Metall und der Rosa-Luxemburg-Stiftung organisiert.
Herman G. Abmayr stellte auf ihr sein jüngstes Buch zu Willi Bleicher vor. Der Autor stellte in seinem einleitenden Vortrag die Gründe vor, die ihn bewogen hatten, das Buch herauszugeben. Anschließend folgenden mehrere Einzelbeiträge, die aus unterschiedlichen Perspektiven ihr Verhältnis zu Willi Bleicher beleuchteten. Der Abend endete mit dem von Abmayr 2007 produzierten Dokumentarfilm „Wer nicht kämpft, hat schon verloren – Willi Bleicher: Widerstandskämpfer und Arbeiterführer“. Er erlaubte allen, die ihn nie hatten kennenlernen dürften, einen persönlichen Eindruck von ihm zu gewinnen.
Bereits 1992 hatte Abmayr eine noch heute lesenswerte Biografie über ihn geschrieben. Sie trug den Titel „Wir brauchen kein Denkmal“[2]. Außerdem veröffentlichte er in den letzten Jahren einzelne Aufsätze über ihn und drehte Filme über Bleichers Lebensgeschichte. Das aktuelle Buch ist im Unterschied zu diesen Veröffentlichungen ein Dokumentenband. Es enthält neben einer Vielzahl von Briefen, die er während seiner Haft an Mitglieder der Familie geschrieben hat, eine Reihe von Korrespondenzen mit persönlichen Weggefährten und eigene Stellungnahmen zu gewerkschaftlichen wie politischen Fragen aus der Nachkriegszeit. Von besonderem Interesse sind zwei ausführliche Interviews[3] mit ihm, in denen alle wichtigen Fragen der Arbeiterbewegung seit dem ersten Weltkrieg angesprochen werden.
Die einzelnen Abschnitte des Buches werden jeweils durch eine Einleitung historisch eingeordnet. Die Fußnoten geben ergänzende Erläuterungen oder korrigieren nicht ganz präzise Aussagen Bleichers. Wer zu den von Bleicher erwähnten Personen nähere Informationen haben möchte, kann eine Zusammenstellung von Kurzbiografien beim Verlag herunterladen.
Stuttgarter Arbeiterkind
Bleicher war kein Ideologe, kein Theoretiker der Arbeiterbewegung. Seine Vorstellungen über eine Politik im Interesse der arbeitenden Menschen entwickelte er aus den jeweiligen materiellen Verhältnissen, in denen er lebte.
Seine Erinnerungen beginnen mit dem Ersten Weltkrieg und seinen Folgen für die proletarische Familie. Nach der Novemberrevolution änderte sich für sie zunächst nicht viel. Die Eltern wussten nach wie vor morgens nicht, woher sie das Essen für den Tag nehmen sollten. Nach Bleicher war der Hunger ständiger Begleiter der Familie. Satt wurden die Kinder selten. Die beengten Wohnverhältnisse, die Schwierigkeit, für die Jugendlichen eine geeignete Ausbildung zu finden, die patriarchalischen nahezu rechtlosen Arbeitsbedingungen für sie in den Betrieben und die Folgen jahrelanger Arbeitslosigkeit nach dem großen Crash 1929, prägten Bleichers Sicht der Weimarer Republik. Doch die Not, die nicht nur die eigene war, sondern die der Klasse, führte auch zusammen. So spricht er viel von Solidarität, die vor allem in den Jugendgruppen der Arbeiterorganisationen herrschte, von kollektiver politischer Arbeit und gemeinsamer Freizeitgestaltung wie von dem ständigen Drang, sich fortzubilden.
Die Zeit im Faschismus begann für Bleicher mit der bitteren Erfahrung, dass ein großer Teil der Arbeiter nach der Machtübergabe an Hitler sich den neuen Verhältnissen anpasste. Angesichts der drohenden Repression war dies nicht überraschend, doch von den Aktiven der organisierten Arbeiterbewegung hatte er anderes erwartet. Viele Mitglieder der proletarischen Massenorganisationen wechselten nach 1933 die Seiten und ordneten sich den faschistischen Verbänden unter. Aktiven Widerstand waren nur wenige bereit zu leisten und die waren auch noch untereinander zerstritten. Wer sich zur Illegalität entschloss, musste mit Verfolgung, Inhaftierung und Folter rechnen. Die sozialen Kontakte blieben auf ein Minimum beschränkt, die eigenen Lebensverhältnisse waren von Kargheit bestimmt.
Die Lage unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges war erneut von existentieller Not geprägt[4]. Die Sicherung der Ernährung für die Familie, die Lösung der Wohnungsfrage, die Anhebung der Hungerlöhne wie die soziale Absicherung besonders im Krankheitsfall standen für die Arbeiter*innen im Vordergrund. Die erste Generation der Betriebsräte musste sich, wollte sie von den Beschäftigten anerkannt werden, aktiv um die elementarsten Bedürfnisse der Beschäftigten kümmern.
Die wenigen Überlebenden der durch den Faschismus vernichteten politischen Arbeiterbewegung waren trotz des Willens zur Überwindung der bisherigen Gegensätze nicht in der Lage, eine einheitliche Kraft zu schaffen. Die große Mehrheit der Kader der neu gegründeten Parteien unterstellte sich den jeweiligen Besatzungsmächten und übernahm deren gesellschafts- wie geopolitischen Vorstellungen.
Diese Umstände schränkten nach Bleicher die Bedeutung der Arbeiterkämpfe der Nachkriegszeit ein. Selbst die radikaleren Auseinandersetzungen brachten zwar einige tarifpolitische wie auch politische Fortschritte für die Beschäftigten, doch die Kräfteverhältnisse änderten sie nicht grundlegend. Bleicher weist in den Interviews darauf hin, dass in Baden-Württemberg auch die Arbeiter, die in den Tarifkämpfen bereit waren, große Opfer zu bringen, am folgenden Wahlsonntag bei der CDU ihr Kreuzchen machten.
Schulung in der KPO
Bleicher resignierte trotz der Erfolgslosigkeit der von ihm verfolgten Politik am Ende seines Lebens nicht. Dies lag im Wesentlichen daran, dass er wie nur wenige andere in der Lage war, eine realistische Einschätzung der bestehenden Kräfteverhältnisse vorzunehmen. Diese Fähigkeit erlaubte ihm, in den unterschiedlichsten Situationen seine politischen Ziele im Spannungsverhältnis von kurz- und langfristigen Zielen immer wieder neu zu bestimmen. Gelernt hatte er dies in der KPO.
Schon früh trat er in die Gewerkschaft ein. Bald darauf schloss er sich dem kommunistischen Jugendverband KJVD an. Es dauerte nicht lange, bis er Funktionen übernahm. Seine Integrationskraft war ausgeprägt, sein Redetalent beeindruckte, sein Bildungshunger konnte nicht gestillt werden. Er vermochte schwierige Sachverhalte so darzustellen, dass die Jugendlichen sie verstanden.
Bleicher gehörte bis zum Frühjahr 1929 dem KJVD an. Die Stuttgarter Ortsgruppe des Verbandes widersetzte sich dem von der KI Anfang 1928 eingeleiteten Kurswechsel, der zur Aufgabe der Einheitsfronttaktik und der Gründung Roter Gewerkschaften führte. Erst im Frühsommer 1929 gelang es der Bezirksleitung die Stuttgarter Gruppe auszuschließen. Bleicher beteiligte sich an der Gründung der KJVD-Opposition, die in Stuttgart in mehreren Stadtteilen verankert war.
Ab Mitte 1932 bereiteten sich die Stuttgarter KPO wie die Jugendorganisation auf die Illegalität vor. Bleicher, der Vorsitzender der KJO im Land Württemberg war, spielte bei der Umstellung der Organisation auf die neuen Verhältnisse eine wichtige Rolle. Er war seit mehreren Jahren arbeitslos und verfügten über viel Zeit.
Im Widerstand
Nach der Machtübergabe an die Faschisten tauchte Bleicher unter. Er musste mit der sofortigen Verhaftung rechnen. Nach einigen Monaten wurde ihm der Boden zu heiß. Er ging über die Grenze in die Schweiz und kam für einige Monate in Schaffhausen unter. Dort gab es eine starke KPO-Gruppe, die ihn eine Weile verstecken konnte. Von hier aus schmuggelte er Material der Opposition nach Deutschland, Broschüren und Zeitungen und sorgte dort auch für deren Vertrieb. Er lebte eine Weile illegal in Stuttgart, ging dann aber wieder zurück in die Schweiz. Nach einiger Zeit musste er das Land verlassen und floh nach Frankreich. In Besançon fand er Unterschlupf und Arbeit. Dann zog es ihn nach Straßburg, wo sich die Auslandsleitung der KPO und die Zentrale der IVKO niedergelassen hatte. Für ihn überraschend durfte er im Sommer 1934 nicht an der Auslandskonferenz der KPO in Paris teilnehmen. Stattdessen wurde er zur illegalen Arbeit ins Saarland geschickt. Dort erfuhr er, dass die Organisation nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte.
Anlass für den Ausschluss war nicht ein Fehlverhalten seinerseits, sondern seine Freundin Helene Beck. Sie war zu Zeiten der Weimarer Republik Sekretärin des DMV gewesen und nach der Zerschlagung der Freien Gewerkschaften in der DAF Schreibkraft. Die Nazis hatten einen sehr kleinen Teil der Angestellten weiter beschäftigt. Sie war Mitarbeiterin eines örtlichen Funktionärs. Allerdings war sie nicht zu den Nazis übergelaufen, sondern nutzte ihre Position, um Informationen für den Widerstand zu beschaffen. Sie wurde deshalb verhaftet und im April 1937 wegen Hochverrats zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Doch diese Hintergründe ließen sich unter den schwierigen Verhältnissen der Illegalität nicht klären.
Bleicher war nach der Kaltstellung geschockt, gar verzweifelt. In dem Interview mit Ulrich beschreibt er seine Situation wie folgt: „Das war das Schlimmste, was ich also in all den Jahren mitgemacht habe. Ich kann mich sehr entsinnen, dass ich zum ersten Mal mit dem Gedanken des Selbstmords gespielt habe“[5]. Er ging zurück nach Stuttgart, nahm eine Arbeit auf x und suchte Kontakt zu anderen Widerständlern. Nach einiger Zeit wurde er verhaftet und nach langer Untersuchungshaft verurteilt. Nach Ende seiner Strafhaft nahm ihn die Gestapo in Schutzhaft. Über verschiedene Stationen gelangte er ins KZ Buchenwald.
In Buchenwald wurde er der KPO zugerechnet und fühlte sich mit denen, die aus der Gruppe kamen, eng verbunden[6]. Nach Walter Bartel, bildeten die Mitglieder einen „festen Zusammenhalt“, wobei er Bleicher nicht erwähnt[7].
Bleicher machte die Erfahrung, dass unter den politischen Häftlingen im Lager die alten Gegensätze eine untergeordnete Rolle spielten. Es ging nicht mehr um Taktik und Strategie der Arbeiterbewegung, sondern allein um die Selbstbehauptung gegenüber den Nazis. Wichtig war, dass jeder seinen Beitrag zum Überleben der Häftlinge leistete, sich uneingeschränkt solidarisch verhielt und diszipliniert der illegalen Lagerleitung folgte. Kontakte nach draußen gab es kaum. Die inländischen Strukturen der politischen Gruppen waren Ende der 30er Jahre von der Gestapo weitgehend zerschlagen worden, die Auslandsleitungen aufgrund des Vormarsches der Wehrmacht aufgelöst. Alle mussten sich neu orientieren, ihre Entscheidungen selbständig treffen. Es entstanden Widerstandsgruppen, die sich nicht mehr ausschließlich an den alten Parteigrenzen orientierten.
Bleicher wurde unter den kommunistischen Insassen des KZ schnell zu einer Schlüsselfigur. Er sorgte in der Effektenkammer für die Sicherung der wenigen Habseligkeiten der Häftlinge. Er war entscheidend daran beteiligt, dass der zweijährige jüdische Junge Jerzy G. Zweig im Lager versteckt und von den Bewachern nicht entdeckt wurde.
Als die Häftlinge erfuhren, dass Ernst Thälmann, der in einem Sonderbereich in Buchenwald inhaftiert worden war, von den Nazis ermordet wurde, organisierten sie eine Gedenkfeier. Bleicher war maßgeblich an deren Vorbereitung beteiligt. Robert Siewert, ebenfalls Mitglied der KPO, hielt die Gedenkrede.
Die Feier wurde schließlich verraten. Die Nazis sahen Bleicher als einen der Hauptverantwortlichen der Veranstaltung. Sie überführten ihn ins Polizeigefängnis nach Weimar. Die Haftbedingungen dort waren extrem, mehrfach wurde er brutal gefoltert. Doch er hielt stand. Die Nazis erfuhren nichts über den Widerstand der politischen Häftlinge.
Die Befreiung erlebte Bleicher nicht in Buchenwald. Er konnte deshalb nicht aus eigener Anschauung beurteilen, welchen Charakter die später als „Selbstbefreiung“ bezeichnete Übernahme der Lagerleitung durch die Häftlinge hatte. Dass sie die letzten noch im Lager verbliebenen Nazis entwaffneten und zwei Tage das Lager kontrollierten, ist unbestritten. Nach vielen im Nachhinein geführten Gesprächen mit denen, die bis zum Schluss in Buchenwald inhaftiert waren[8], kam Bleicher zu dem Schluss, dass man von einer „Selbstbefreiung“ im engeren Sinn des Wortes nicht sprechen könne. Darin war er sich mit Eugen Ochs[9] und anderen KPO’lern, die dort einsaßen, einig. Die Amerikaner standen bereits vor den Toren, der größte Teil der Bewacher war geflohen. Diese Sicht mindert weder den aktiven Widerstand im Lager, noch den Umstand, dass die Häftlinge trotz der jahrelangen Torturen noch in der Lage waren, über alle politischen, nationalen wie religiösen Grenzen hinweg solidarisch zu handeln[10].
Die Demonstration der Gefangenen am 11. April 1945, dem Tag ihrer Befreiung, zeigte aller Welt, dass sie sich nicht aufgegeben hatten. Die Verabschiedung des Buchenwalder Manifestes bildete nach Thalheimer eine Grundlage für die Entwicklung einer eigenständigen Politik der Arbeiterbewegung in Deutschland.[11]
Politischer Weg nach 1945
Nach der Befreiung wollte Bleicher an die Erfahrungen anknüpfen, die er im Widerstand gewonnen hatte: „Eine einheitliche Arbeiterbewegung, eine einheitliche Arbeiterpartei und eine einheitliche Gewerkschaftsbewegung – das war unser Wollen. Neu beginnen unter Berücksichtigung der Lehren, die uns der Faschismus so grausam, so blutig und so schmerzlich aufzwang. Alle, ausnahmslos alle Organisationen der Arbeiterbewegung waren ja zerschlagen worden vom Faschismus“.[12]
Recht schnell wurde klar, dass dies nicht gelingen wird. Fortan konzentrierte sich Bleicher auf die Stärkung einer geeinten kommunistischen Partei. Anfangs schien dies auch Erfolg zu versprechen. Die alten Gegensätze spielten fast keine Rolle mehr, alle Kraft wurde auf die Entwicklung einer sozialistischen Gesellschaft auf antifaschistischer Grundlage konzentriert. Die Zusammenarbeit mit der Sozialdemokratie sollte solidarisch mit dem Ziel erfolgen, eine Restauration des Kapitalismus zu verhindern.
Aber schon bald stellte sich heraus, dass die Spitze der KPD sich den machtpolitischen Gegebenheiten der Nachkriegszeit unterwarf. Im Osten löste sie sich in die SED auf und nahm fortan den Charakter einer Verwaltungspartei an. Im Westen blieb zwar der Name der Partei erhalten, doch war die Partei nicht viel mehr als die Bezirksorganisation Westdeutschland der SED. In Grundsatzfragen wurde in allen Organisationseinheiten eine Diskussion über den Kurs der Partei eingeschränkt, eine Kritik an der Besatzungspolitik der Sowjetunion repressiv unterbunden.
Bleicher teilte diesen ab 1946 sich durchsetzenden Kurs nicht[13], will aber zunächst die Partei nicht verlassen und sich einer Kleinorganisation anschließen[14]. Er lehnte es ab, in die 1947 gegründete Gruppe Arbeiterpolitik einzutreten oder sie aktiv zu unterstützen. Er hätte dann den Rückhalt der KPD Mitglieder verloren, die in den ersten Nachkriegsjahren in den Einzelgewerkschaften, resp. der IG Metall, recht stark waren.
Als sich Anfang der 50er der Kurs weiter zuspitzte, die SED und in ihrer Folge auch die KPD in der BRD mit inquisitorischen Mitteln fast alle kritischen Kräfte aus der Partei drängte, ihnen zeitweise sogar die Existenzgrundlage entzog, wurde Bleicher aufgefordert, den Kontakt zu seinem Genossen Eugen Ochs, der in Buchenwald sein engster Vertrauter war, abzubrechen. Er lehnte dies ab und trat aus der Partei aus. Der Bruch erfolgte noch vor der Verabschiedung der These 37 auf dem „Münchener Parteitag“ der KPD im März 1951. Sie verlangte von den kommunistischen Mitgliedern in den Gewerkschaften „Kampfhandlungen auszulösen auch gegen den Willen rechter Gewerkschaftsführer“ und Aktionen zu entwickeln, in denen die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter gemeinschaftlich mit den unorganisierten Arbeitern in einer Front“ stehen.[15]
Bleicher trat 1953 der SPD bei, wie er selbst sagte, aus „opportunistischen“ Gründen[16]. Er wollte seine Position in der Gewerkschaft nicht gefährden. Er zahlte nur die Beiträge, übernahm aber keine Funktionen und wurde nie Sozialdemokrat. Zwingend war diese Entscheidung aber keineswegs. Eugen Ochs, der von 1955 bis zu seiner Verrentung 1970 1. Bevollmächtigter der IG Metall in Ludwigsburg war, ging diesen Weg nicht[17].
Was bleibt von Willi Bleicher?
Bleicher distanzierte sich nie von den politischen Positionen der KPO. Er teilte auch nach 1945 die von Thalheimer entwickelten Einschätzungen zur Nachkriegssituation[18]. Dennoch war er nicht bereit, in die Gruppe Arbeiterpolitik einzutreten oder gar eng mit ihr zusammenzuarbeiten. Dies hatte mehrere Gründe.
Am Ende der Weimarer Republik hatte er gesehen, dass die nicht geeinte Arbeiterbewegung den Faschismus nicht aufhalten konnte. Kleinere Organisationen wie die KPO und die SAPD waren dazu aber auch nicht in der Lage, so berechtigt ihre Kritik an den jeweiligen Mutterorganisationen auch war[19].
Im Nachkriegsdeutschland sah er nur unter der Voraussetzung die Möglichkeit eine Gegenkraft zu den bürgerlichen Kräften zu entwickeln, wenn die Arbeiterorganisationen es schaffen würden, wieder politisch geeint aufzutreten.
Nachdem sich die Parteien unter Mithilfe der jeweiligen Besatzungsmächte wieder gegründet hatten und eine programmatische Erneuerung nicht erfolgte, hatten sich diese Hoffnungen zerschlagen. Bleicher sah nur noch in der Arbeit in den Gewerkschaften einen Ansatzpunkt, seine Vorstellungen von der Einheit der Arbeiterbewegung wenigstens teilweise durchzusetzen. Er trat für eine kämpferische Gewerkschaftsbewegung ein, die es wenigstens in den Auseinandersetzungen mit den Unternehmen schaffen konnte , die politischen Gegensätze zu überwinden und als Klasse aufzutreten.
Ein weiterer Grund für seine Distanz zur Gruppe Arbeiterpolitik war vermutlich, dass er innerlich immer noch nicht verwunden hatte, dass er von der KPO 1934 ausgeschlossen wurde, ohne ihn anzuhören. Eine formelle Revision der damaligen Entscheidung konnte nach Ende des Krieges nicht erfolgen, da die KPO sich 1945 aufgelöst hatte[20].
Dennoch hielt Bleicher zu seinen früheren Kampfgefährten aus der KPO Kontakt, soweit dies auf Gegenseitigkeit beruhte. In Frankfurt traf er sich 1949 mit Brandler[21]. Gemeinsam mit Eugen Ochs und Ludwig Becker trafen sie in den fünfziger Jahren mehrfach in Stuttgart mit Brandler zusammen[22]. Auch mit Robert Siewert stand er weiter im Austausch[23]. Es entwickelte sich eine rege Korrespondenz. Gemeinsam besuchten sie das KZ Buchenwald. Die Verbindungen zu Eugen Ochs und Ludwig Becker blieben stabil.
Bleicher gehörte zu den wenigen Gewerkschaftern der Nachkriegszeit, die sich nicht kompromittieren ließen, aufrichtig und gradlinig blieben und alles, was in ihrer Macht stand unternahmen, um wieder eine eigenständige Arbeiterbewegung entstehen zu lassen.
Wer sich mit Bleicher beschäftigen will und keine Heldengeschichte erwartet, für den ist das vorliegende Buch vortrefflich geeignet. Es will nicht den Eindruck erwecken, dass man in Bleicher den Schlüssel für die Lösung aller Probleme der Arbeiterbewegung findet. Vielmehr will es anregen, sich mit deren Geschichte kritisch auseinanderzusetzen. Folgt man diesem Ansatz, wird man bestimmen können, welche Bedeutung Bleicher für die heutigen gewerkschaftlichen wie politischen Kämpfe noch hat[24].
H.B, 22.12.2025
Hermann G. Abmayr (Hg), Willi Bleicher – Texte eines Widerständigen, Stuttgart 2025
[1] Seit dem 1.5.2016 heißt es Willi-Bleicher-Haus.
[2] Hermann G. Abmayr, Wir brauchen kein Denkmal – Willi Bleicher: Der Arbeiterführer und seine Erben, Stuttgart 1992. – Der Schmetterling Verlag hat jüngst den Text als E-Book neu herausgebracht.
[3] Das erste führte Klaus-Ullrich 1973. Es beschäftigte sich mit Bleichers Leben bis kurz nach Ende des zweiten Weltkrieges. Das zweite führten zwei Stuttgarter Genossen, die ihn nach seinen Einschätzungen zur Arbeiterbewegung nach 1945 befragten. Es wurde in Auszügen in der Arpo kurz nach seinem Tod veröffentlicht. Vgl. Arpo 7’81, S. 13ff.
[4] Vgl. Keine kämpferische Geschichte, Arpo 7’81, S. 13 ff.
[5] Hrsg. Hermann G. Abmayr, Willi Bleicher – Texte eines Widerständigen, Stuttgart 1924, S. 193
[6] Mitte 1939 sollen in Buchenwald 17 Mitglieder der KPO inhaftiert gewesen sein. Vgl. Brief von Brandler an F. Wiest vom 9.6.1945, zitiert nach: Zur Neu-Herausgabe der „Übersichten“, in: Westblock-Ostblock, o.O.u.J. [Bremen 1993], S. 21.
[7] Vgl. Abmayr, Wir brauchen …, S.140 (Fußnote 5)
[8] Vgl. die Beschreibung der letzten Tage im Lager durch Heinrich Plum, KPD-Mitglied. „ … aus einem alten Tagebuch“, Arpo 2’95, S. 8f.
[9] Eugen Ochs, Ein Arbeiter im Widerstand, Stuttgart 1984, S. 113.
[10] Vgl. Stellungnahme eines Genossen, der mit Robert Siewert in der Illegalität nach 1933 zusammengearbeitet hat, Arpo 2’95, S. 12.
[11] Vgl. Thalheimer, Internationale monatliche Übersicht, Juli 1948, Nr. 12, in: Ostblock-Westblock, o.O.u.J. [Bremen 1993], S. 366; August Thalheimer, Die Potsdamer Beschlüsse, Bremen 1950, S.11; Vgl. a. Der Widerstand gegen den faschistischen Terror soll denunziert werden, Arpo 2’95, S. 1ff.
[12] Vgl. Keine kämpferische…, S. 14.
[13] Bleicher war schon mit der Vertreibungspolitik der Sowjetunion aus den östlichen Ländern nicht einverstanden, zieht daraus aber anfangs keine Konsequenzen. Vgl. Keine kämpferische …, S. 15.
[14] Bei einem Besuch in Buchenwald sehen Bleicher und Becker zwar, dass viele Entscheidungen der SED den Interessen der Arbeiter zuwiderlaufen, verteidigen deren Politik aber noch grundsätzlich. Eugen Ochs, der mit ihnen gefahren war, nimmt dagegen kein Blatt vor den Mund. Vgl. Brief von Eugen Ochs an Heinrich Plum vom 21.5.48, in: Rene Lehmann, Abschlussbericht zum Briefnachlass Heinrich Plum, S. 49.
[15] Vgl. Die gegenwärtige Lage und die Aufgaben der KPD. Entschließung des Münchener Parteitages (3.-5.3.1951), in: KPD 1945 – 1968. Dokumente , Band 1, Neuss 1989, S. 356f.- Der ‚Münchener Parteitag‘ fand in Weimar statt.
[16] Vgl. Keine kämpferische …, S. 17
[17] Er verteidigte sich entschieden gegen den Vorwurf von Heinrich Plum, sozialdemokratische Positionen eingenommen zu haben. Vgl. „Eugen Ochs an Heinrich Plum vom 16.1.49, in: Lehmann, Abschlussbericht …, S. 56; Vgl. a. Eugen Ochs an Heinrich Plum vom 14.6.49, ebenda, S. 64.
[18] Ende einer Spur – Zum Tode von Willi Bleicher, Arpo 6’81, S. 15.
[19] Vgl. Abmayr, Willi Bleicher …, S. 178ff.
[20] Vgl. Abmayr, Willi Bleicher …, S. 281
[21] Bleicher erwähnt, er habe sich 1948 mit Brandler getroffen. Brandler kam aber erst im Mai 1949 zurück nach Deutschland. Vgl. Abmayr, Willi Bleicher, S. 281.
[22] Abmayr, Wir brauchen …, S. 47.- Brandler hielt sich in diesen Jahren häufiger in Stuttgart auf. Er bekam bei Bertha Schöttle-Thalheimer Quartier.
[23] Vgl. Briefwechsel mit Robert Siewert, in: Abmayr, Willi Bleicher …, S. 292-298.
[24] Vgl. Willi Bleicher will die Einheit – aber mit welchem Ziel ?, Arpo 5’79, S. 12; S.a. Ende einer Spur – Zum Tode Willi Bleichers, Arpo 6’81, S.15.
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