Gedenkrede für Rolf Becker
Rosa-Luxemburg-Konferenz – 10.01.2026 – Berlin

Am 7. Januar 2026 wurde unser Genosse Rolf Becker begraben, Seine letzte Ruhestätte fand er auf auf dem Friedhof Olsdorf, auf dem Ehrenfeld der Geschwister-Scholl-Stiftung, in der Nähe der Gräber von Heinz Brandler und Pep (Joseph) Bergmann. Diesen symbolträchtigen Ort hatte er noch persönlich in Absprache mit seiner Familie und Freundinnen und Freunden ausgewählt. Es ist geplant über die Trauerfeier mit den Reden von Angehörigen, von Kolleginnen und Kollegen sowie politischen Weggefährten und Weggefährten eine Broschüre zu erstellen, an der sich auch die Gruppe Arbeiterpolitik beteiligen will. Deshalb vorläufig hier nur die Gedenkrede von Ulrike Eifler, die sie drei Tage danach, auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz gehalten hat.


 

Liebe Freundinnen und liebe Freunde, liebe Genossinnen und Genossen,

Diese Rosa-Luxemburg-Konferenz ist die erste Konferenz ohne Rolf Becker. Der Schauspieler, Gewerkschafter und Kriegsgegner Rolf Becker starb am 12. Dezember im Alter von 90 Jahren und er fehlt schon jetzt unendlich. Im vergangenen Jahr noch stand er hier und verlas ein Grußwort von Daniela Klette – und nun, zwölf Monate später, ist er schon nicht mehr unter uns.

Mit Rolf verliert die politische Linke einen ihrer profiliertesten Streiter für Frieden und Gerechtigkeit, einen, dessen Leben bis zum Schluss geprägt war vom Widerspruch zu den Widersprüchen unserer Zeit. Rolf war ein wortgewaltiger Redner, der seine Argumente mit dem geschulten Blick eines Marxisten, mit der Leidenschaft eines Gewerkschafters und mit der Sensibilität eines Kulturschaffenden vorzutragen wusste. Und deshalb war er seit vielen Jahrzehnten ein gern gesehener Gast auf Ostermärschen, Gedenkveranstaltungen und Gewerkschaftstreffen.

Kein Weg war ihm zu weit, kein Anlass zu gering. Seine Sprache war die Kunst. Unvergessen bleibt sein riesiger Fundus an Brecht-Zitaten.

Eine Frage, die ihn bis zum Schluss umtrieb, war, wie wir verhindern können, dass sich die Geschichte wiederholt. Das Ringen um den Blick auf die Geschichte bestimmte darum Rolfs Wirken. Und es bestimmte die Nachkriegszeit.

Es war ein umkämpftes Kräfteverhältnis, bei dem gewerkschaftliche Regionalforschung, Straßenumbenennungen, Zeitzeugengespräche und die Bühnenprogramme von Rolf Becker, Esther Bejarano und anderen ihren Anteil daran hatten, dass öffentlich über Massenerschießungen, Konzentrationslager, Antisemitismus, Zwangsarbeit, Massenmord und Kriegswirtschaft gesprochen werden musste, statt stillschweigend zur Tagesordnung überzugehen. All die Jahre und Jahrzehnte rangen in dieser Republik fortschrittliche mit konservativen Kräften um die Deutungshoheit über die Geschichte.

Lange wirkten die Kriegserfahrungen und das Engagement von Rolf, Esther und anderen wie ein Bollwerk gegen einen allzu leichtfertigen Rückgriff auf unsere verheerende deutsche Geschichte. Eine Situation, die sich mit dem Ausrufen der Zeitenwende jedoch vollständig änderte. Am Druck der Militaristen und Kriegstreiber barst auch unsere von unten erkämpfte Erinnerungskultur. Auf einmal wurde Unsagbares wieder sagbar und das bislang Sagbare plötzlich unsagbar.

Geschehenes Unrecht nicht einfach hinnehmen zu wollen, nicht hinnehmen zu können, das war es, was Rolf antrieb, bis zum Schluss auf der Bühne zu stehen und auf diese Entwicklungen hinzuweisen – wie zuletzt im September bei den Protesten gegen das Manöver Red Storm Bravo in Hamburg.

„Ohne meine persönlichen Kriegserfahrungen“, erzählte er mir einmal, „wäre ich vermutlich heute so gutgläubig wie viele unter uns, die den in die Irre führenden Erklärungen aus Regierungskreisen und in den Medien vertrauen“.

Doch es waren nicht nur die eigenen Kriegserfahrungen, die ihn antrieben, sich mit einer unbeschreiblichen Rastlosigkeit für den Frieden zu engagieren. Es war vor allem eine tief sitzende Klassensolidarität. Als aktiver Gewerkschafter wusste Rolf, wer auf den Schlachtfeldern der Geschichte gekämpft und wer dies nicht getan hatte.

Rolf hatte eine klare Vorstellung von der Welt. Die wachsende Kriegsgefahr und das Erstarken eines neuen Autoritarismus analysierte er klar als einen im Niedergang befindlichen und deshalb um so bedrohlicher agierenden Kapitalismus. Er erkannte klarer und schneller als viele andere von uns, dass die Zeiten sich änderten; dass die Diskussionen über Aufrüstung und Wehrpflicht keine unverbindlichen Diskussionen mehr waren und darum auch nicht folgenlos bleiben würden. Rolf sah die Gefahren, aber er sah auch die Möglichkeiten. Und er bemühte sich, die auf Entscheidungen drängenden Widersprüche unserer Zeit mitzubeeinflussen.

Im vergangenen April verliehen ihm die junge welt und Melodie & Rhythmus dafür den Rosa-Luxemburg-Preis – nur wenige Tage nach seinem 90. Geburtstag. Rolf sagte an diesem Abend mit der für ihn typischen Bescheidenheit wie politischen Klarheit: „Dieser Preis gehört euch allen. Nicht einzelne können Massen bewegen. Umgekehrt: Die Bewegungen in der Gesellschaft bewegen den einzelnen.“

Rolf hat ebenso wie die Namensgeberin dieses Preises, Rosa Luxemburg, stets mit wachen Augen auf die von Krise, Krieg und Ungerechtigkeit gebeutelte Gesellschaft geschaut. Zu sagen, was ist – bleibt die revolutionärste Tat. Das als wahr Erkannte auszusprechen ohne Rücksicht auf mögliche persönliche Konsequenzen. Das war Rolf. Ein Leben lang.

Die Kraft dafür schöpfte er aus der Erkenntnis, dass das Grundübel von Faschismus und Krieg eine Gesellschaftsordnung ist, die die Profite der Wenigen höher stellt als ein Leben in Würde für die Mehrheit. Und Rolf ist ein Beispiel dafür, dass wir unsere Zuversicht und Stärke gerade in diesen Zeiten aus der Vision einer Gesellschaft ziehen müssen, in der wir alle frei und gleich miteinander leben können.

Rolf war Kommunist, einer, der in der Tradition der KPD-Opposition um Thalheimer und Brandler stand. Und wie jeder Kommunist brauchte er eine Gruppe, eine die ihm dabei half, die eigenen Argumente zu schärfen, sich zu überprüfen, sich aufzurichten. Die Genossinnen und Genossen der Gruppe „Arbeiterpolitik“ waren nicht ohne Grund seine engsten Weggefährten.

Doch Rolf war nicht nur Kollege und Genosse. Rolf war für viele von uns vor allem ein Freund. Er begegnete jedem mit einer Freundlichkeit und Zugewandheit, wie sie selten anzutreffen sind.

Rolfs Tod reißt eine Lücke in unsere Reihen – wir werden es bemerken bei den vor uns liegenden Ostermärschen, bei den nächsten Gewerkschaftskonferenzen, den UZ-Friedenstagen, bei den Antikriegsprotesten. Wir verlieren einen Freund, der uns mit seiner Kunst, seinem Rat und seiner Kraft zur Seite stand. Einen Freund, der uns neun Jahrzehnte lang ein Beispiel dafür gab, dass es leicht ist, mit durchgedrücktem Rücken Nein zu sagen, wenn sich die Dinge in die falsche Richtung entwickeln.

Was würde Rolf uns raten, würden wir ihn fragen, wie wir mit diesem Verlust umgehen sollen? Zweifelsohne würde er ein Brecht-Zitat aus der Tasche ziehen und ganz sicher eines, das unseren Blick weg von ihm lenken würde. Rolf würde nicht wollen, dass wir über ihn sprechen. Er würde wollen, dass wir über den schändlichen Überfall der USA auf Venezuela sprechen. Er würde wollen, dass wir über eine Politik sprechen, die Regellosigkeit und Angriffskriege normalisiert und die uns zurückführt in eine Welt, in der Gewalt wieder zur Norm wird. Er würde wollen, dass wir über den Bundeskanzler sprechen, der sich vor einer Verurteilung des Völkerrechtsbruchs herumdrückt und diesen dadurch nachträglich legitimiert. Und er würde zur Solidarität mit den Menschen in Venezuela, Kuba, Kolumbien und Mexiko aufrufen. Vor allem aber würde Rolf darauf verweisen, wie wichtig gerade in diesen Zeiten eine linke Tageszeitung wie die junge Welt ist; die uns hilft, die Gegenwart zu verstehen; die Streikende interviewt, wo andere den Klagen der Arbeitgeber ein Forum geben; die den Genozid an den Palästinensern benennt, wo andere ihn verschweigen; die ihre Maigalerie zur Verfügung stellt, wo andere Räume aufkündigen; und die Jahr für Jahr die stetig wachsende Rosa-Luxemburg-Konferenz organisiert, damit wir einen Raum haben, um uns darüber auszutauschen, wie wir diese Welt gemeinsam verändern können.

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Genossinnen und Genossen, politische Gefährten auf unserem Weg in eine gerechte Welt zu verlieren, ist schmerzlich, das unterstreicht Rolfs Tod einmal mehr. Aber es gehört zu diesem Weg dazu. Unsere Aufgabe bleibt, diesen Weg fortzusetzen; mit der gleichen Unbeirrbarkeit; mit der gleichen Rastlosigkeit; mit dem gleichen Eigensinn.

„Es gibt Menschen“, sagte Bert Brecht, „die kämpfen einen Tag und sie sind gut. Es gibt andere, die kämpfen ein Jahr und sind besser. Es gibt Menschen, die kämpfen viele Jahre und sind sehr gut. Aber es gibt Menschen, die kämpfen ein Leben lang. Das sind die Unersetzlichen!“

Auf wen träfe das mehr zu als auf unseren Rolf Becker!


 

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