Am 9. April veranstaltete die DIDF-Jugend in Hamburg eine politische Gedenkveranstaltung. Ziel war es, die Anstöße und Anregungen von Rolf Becker auch nach einem Ableben weiter zutragen. Das ist angesichts der sich rasant zuspitzenden und verändernden weltpolitischen Konflikte und Kriege eine notwendige und zugleich schwierige Aufgabe. Zur ihrer Bewältigung hat Rolf zahlreiche Mitschnitte seiner Auftritte hinterlassen.
Auf der Gedenkveranstaltung gedachte Cem Ince, als Mitglied in der IGM Salzgitter-Peine, seinen Auftritten dort. Verteilt wurde auch der Text einer Rede, die eigentlich für Salzgitter gedacht war. Wir dokumentieren beide Redetexte.
Liebe Sylvia, Lieber Anton, liebe Familie Becker, liebe Freundinnen und Freunde.
Vielen Dank an DIDF Hamburg für die heutige Veranstaltung. Danke, dass ich heute hier reden und solidarische Grüße von den Kolleginnen und Kollegen aus Salzgitter mitbringen darf.
In der Rede von unserem Kollegen Andi, die vorne im Eingangsbereich ausliegt, hat er die Verbindung Rolfs zu Salzgitter deutlich gemacht. Nehmt gerne ein Exemplar mit.
Salzgitter, eine Stadt der Arbeiterinnen und Arbeiter. Bodenständig, einfach und geerdet, so wie Rolf!
Die Griechenland Solidaritätsreise gegen die EU-Spardiktate führte Rolf und die Kolleginnen und Kollegen immer wieder nach Salzgitter. Auch in diesem Jahr wird die Griechenland Solidaritätsreise uns einen Besuch abstatten. (Auch dafür gibt es ein Heft.) Es entstand eine langjährige Verbindung über Städte- und Ländergrenzen, das war gelebte internationale Solidarität.
So begegneten Rolf und ich uns die Jahre immer wieder. Jedes dieser Treffen war einzigartig, egal ob nach seinen Lesungen in Berlin oder in Salzgitter. Rolf war ein Mann der klaren Worte, wenn wir nach Veranstaltungen gemeinsam aßen oder tranken, trafen im Laufe des Abends alle Blicke unseren Tisch und horchten Rolfs lauter, klarer Stimme. Es war immer wieder faszinierend.
Ein besonderes Highlight vor ziemlich genau einem Jahr war die erstmalige Verleihung des Rosa Luxemburg Preises an Rolf für sein Lebenswerk.
Für seinen dauerhaften Widerstand gegen Ungerechtigkeiten. Für seinen Kampf gegen die Kriege dieser Welt, die immer lediglich die arbeitende Klasse trafen.
2022 rief der damalige Bundeskanzler die sogenannte Zeitenwende aus … Die Auswirkungen spüren wir heute noch stärker. Daher luden wir Rolf am 1. September 2023 zum Antikriegstag nach Salzgitter ein, um die Hauptrede auf der DGB Gedenkveranstaltung auf dem Friedhof Jammertal zu halten. Und wie er sie hielt. Ein Jahr nach der sogenannten Zeitenwende und der Medienpropaganda, dass die anhaltende Aufrüstung alternativlos sei, überzeugte uns Rolf vom Gegenteil. Viele Menschen gingen im Anschluss zu ihm und bedankten sich mit den Worten: Vielen Dank Herr Becker, dass Sie mir die Augen geöffnet haben.
Keineswegs eine Seltenheit. An diesem Abend lernten sich auch Rolf und mein Vater kennen, es war eines der schönsten gemeinsamen Abende, der für immer in guter Erinnerung bleiben wird.
Natürlich hörte Rolf gleich davon, dass ich für den Bundestag kandidiert habe. Fand er nicht so gut. Seitdem hat er unseren Kollegen Andi darauf angesetzt, dass ich mich auch ja nicht verändere, lieber Rolf, keine Sorge, versprochen, das werde ich nicht.
Als er aber dann davon hörte, dass ich auf einer Demonstration in Berlin Wedding gegen die Militarisierung und den Ausbau der Rüstungsindustrie als Parlamentarier von der Polizei verhaftet und verletzt wurde, fand er diesen Widerstand wiederum gut.
Rolf halt, Kämpfer unserer Klasse. Und diesen Kampf gilt es fortzusetzen. Von Rolf lernte ich, immer klare Kante zu zeigen und mein Gesicht für das richtige hinzuhalten, ganz egal wie schwer es ist und ganz egal mit wie vielen Nachteilen man rechnen muss. Wichtig ist, dass man immer aufrichtig bleibt und laut ist. Rolf ist mein politisches Vorbild, er war mein Kollege, mein Genosse, aber vor allem war er mein Freund. Lieber Rolf, wir verneigen uns vor dir. Du fehlst uns, vielen Dank!
Cem Ince
Rolf Becker in Salzgitter
Aus vielen Bemerkungen von Rolf weiß ich, wie wichtig ihm die Besuche und Auftritte in Salzgitter waren. Hier fand er als Schauspieler die Erdung, die ihm zeitlebens wichtig war, den Kontakt zu den arbeitenden Menschen. Seit 2013 waren wir regelmäßig zu Gast mit unseren Freundinnen, Kollegen und Genossinnen aus Griechenland. Ich spürte seine Zufriedenheit – nicht nur mit der Gastfreundschaft, sondern vor allem mit der antifaschistischen und internationalistischen Haltung in der IG Metall. Ältere Kolleginnen und Kollegen haben ihre Grundüberzeugungen an die jüngere Generation weiter gegeben. Als ich den Kollegen Hakan von VW bei einem unserer ersten Besuche in Athen fragte: „Was war dein Beweggrund dich der Griechenland-Solidarität anzuschließen?“, bekam ich die Antwort: „Es war die Aufforderung von Opa (Gerd Graw), der ich mich nicht entziehen konnte.“
Seither beteiligen jüngere Kolleginnen und Kollegen an der Solidaritätsgruppe „Gegen Spardiktate und Nationalismus“, wie Lena und Christos. Diese fruchtbare Zusammenarbeit war nicht der einzige Beweggrund für Rolfs Besuche der IG Metall Salzgitter. Sein politisches Interesse galt der Geschichte der IG Metall Salzgitter und der Gruppe Arbeiterpolitik, die nach 1945 eng zusammenhing. Dies will ich im Folgenden kurz erläutern.
Ich zitiere aus der Broschüre „Der Weg der Gewerkschaften“, von Waldemar Bolze, geschrieben 1946 in Frankreich, herausgegeben von der Gruppe Arbeiterpolitik 1970. Aus dem Vorwort:
„Fast verhungert, aber von unbeugsamer Energie erfüllt, wollte Waldemar Bolze 1945 nach Deutschland zurück. Aber ihn holte keine Besatzungsmacht der Sieger des zweiten Weltkrieges zurück. Erst 1948 bekam er nach langem Drängen die Einreisegenehmigung und ging als Modelltischler in die Reichswerke Salzgitter. Dort gewann er bei den Arbeitern schnell Ansehen, besonders in den Kämpfen gegen die Demontagen der Fabrikanlagen durch englische Truppen.
Er war, wie Heinz Brandler anlässlich seines Todes schrieb, einer seiner letzten Kampfgefährten aus jener Periode der deutschen Arbeiterbewegung,
- die mit der Herausbildung der Linken in der Sozialdemokratie und der Schaffung der politischen Grundlagen der KPD begann,
- des Aufstiegs der KPD,
- der Sammlung der kommunistischen Kader in der KPO gegen den ultralinken Kurs.
(Kurze Bemerkung von mir. Gemeint war der Kurs der KPD, der sie von der Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung isolierte, in dem sie z.B. die SPD zum Hauptfeind erklärte. Die Sozialdemokraten wurden als „Sozialfaschisten“ bezeichnet und bekämpft. Nun weiter mit dem Vorwort:)
Der Sieg des Faschismus 1933 vernichtete die gesamte deutsche Arbeiterbewegung.
Ihre letzte Kraft setzte diese Generation von Kommunisten nach 1945, soweit sie den Faschismus in Deutschland selbst überlebt hatte oder seinen Klauen entronnen war, ein, um ihre revolutionären Erfahrungen an eine revolutionäre Jugend weiterzugeben. Ihre Hoffnung war, dass sie sich als fähig erweisen möge, das zu vollenden, was sie selbst begonnen hatten. Das war der Beginn der Gruppe Arbeiterpolitik, an dem Waldemar Bolze mitwirkte.“
Soweit aus dem Vorwort der Gruppe Arbeiterpolitik, in der 1970 bereits Rolf Becker mitwirkte.
Betriebsratsvorsitzender der Reichswerke und ab 1949 der Hüttenwerke Salzgitter AG war Erich Söchtig. Er gehörte, wie Waldemar Bolze, der mitgliederstarken Gruppe der Arbeiterpolitik in Salzgitter an. Die Gruppe lehnte es ab, sich den Direktiven der Besatzungsmächte zu beugen. Dadurch war es ihr möglich – im Gegensatz zu SPD und KPD –, den Überlebenskampf der Belegschaft zu unterstützen und anzuleiten.
Die Arbeiterpolitik nutzte die Erfahrungen ihrer Mitglieder aus der KPO. Aus der Analyse der Klassenverhältnisse in der Weimarer Republik hatten sie eine Taktik für die proletarische Revolution in Deutschland entwickelt, die Politik der Einheitsfront.
Der Kampf gegen die Demontage prägten den Aufbau der IG Metall und seine inhaltliche Ausrichtung als linke Ortsverwaltung innerhalb der Gesamtorganisation. Nachzulesen ist dies in eurer 2003 erschienen Publikation „Ein halbes Jahrhundert – Beiträge zur Geschichte der IG Metall in Salzgitter“.
Die Hoffnung allerdings, dass eine revolutionäre Jugend das vollenden werde, womit Waldemar Bolze und Erich Söchtig begonnen hatten, konnte sich bisher nicht erfüllen. Aber ihre antifaschistische, antimilitaristische und revolutionäre Haltung, wurden in Salzgitter über Jahrzehnte hochgehalten. Rolf hat mit seinen zahlreichen und regelmäßigen Auftritten und Aktivitäten dazu beigetragen. Nun müssen wir uns verständigen, wie wir ohne ihn diese Arbeit weiterführen können. Wir hoffen, dass wir im Sinne von Rolf die Solidarität mit den arbeitenden Menschen in Griechenland fortführen können – vor allem mit IG Metaller:innen aus der jungen Generation.
Dazu aus dem Schlussworten von Waldemar Bolze: „Ein klassenbewusster Proletarier kann also nicht nur, sondern er muss und zwar unbedingt Anhänger der Diktatur, allerdings der proletarischen Diktatur bleiben, wenn er für die Demokratie, die proletarische Demokratie und die freien Gewerkschaften kämpfen will.
‚Die Demokratie kann nur von wirklich überzeugten Demokraten verteidigt werden‘, sagen die Reformisten. Und das ist wahr. Aber die Geschichte hat bewiesen, dass weder die Bourgeoisie noch sein reformistischer Lakai wirklich überzeugte Demokraten sein können.
Es ist heute noch so, wie Lenin 1905 sagte: ‚Ein wirklich konsequenter Kämpfer für die Demokratie kann nur das Proletariat sein. Das Proletariat hat nichts zu verlieren als seine Ketten, wird aber mit Hilfe der Demokratie die ganze Welt gewinnen!‘“
Andi
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