Über die Bewegungslosigkeit von Bildern


Anmerkungen zu dem redaktionellen Beitrag: »100 Jahre Oktoberrevolution: Erfolg und Scheitern zusammen denken.« Arbeiterpolitik 3/4 2017

Zur Diskussion

Beim Lesen der Kritik an einem Artikel, der in der Arbeiterpolitik 1/2 2017 zur Diskussion gestellt wurde (Oktoberrevolution, Faschismus, 2. Weltkrieg und Zusammenbruch der Sowjetunion), wird zunächst nicht ganz klar, wo denn die politischen Differenzen zu dem kritisierten Artikel eigentlich liegen. Möglicherweise gibt uns die letzte der »Thesen zum Umgang mit der sowjetischen Geschichte« einen Anhaltspunkt:

„In der Sowjetunion entstand aus den damaligen Bedingungen heraus eine Form vergesellschafteter Produktionsweise, die niemand vorhergesehen hat. Es ist aber offensichtlich, dass das nicht unser Sozialismusbild sein kann, mit dem wir heute und in Zukunft Menschen in lohnabhängigen Verhältnissen für eine sozialistische Transformationsstrategie überzeugen und gewinnen wollen.« (S. 31)

Als erstes stellt sich die Frage, ob die Produktion in der Sowjetunion wirklich vergesellschaftet war, oder ob nicht nur die grundlegendste Voraussetzung für eine Vergesellschaftung geschaffen worden war: das Privateigentum an Produktionsmitteln in Staatseigentum zu überführen, und während der Phase der »Neuen Ökonomischen Politik« auch nur das Eigentum an Produktionsmitteln in den Schlüsselindustrien. Eine wirkliche Vergesellschaftung konnte wegen der schmalen industriellen Basis des zaristischen Russlands nicht dauerhaft stattfinden. Sie hätte darin bestanden, dass die Produzenten in eigener Initiative und Regie in den Formen einer Rätedemokratie initiativ geworden und geblieben wären, dass die Bürokratie mehr und mehr überflüssig geworden wäre und der Staat langsam hätte absterben können. Wegen der technischen und ökonomischen Rückständigkeit hätte es dazu einer proletarischen Revolution im Westen bedurft, die nicht kam. In diesem Sinn blieb die Sowjetunion auch nach dem 2. Weltkrieg isoliert. Diesen Mangel konnten auch die Bauernrevolution in China oder andere antikoloniale Kämpfe nicht lindern, wie die Geschichte ja gezeigt hat.

Die zweite – entscheidende – Frage besteht darin, was »unser Sozialismusbild« sein soll und ob wir ein solches »Bild« wirklich haben und benötigen.

Versucht man als Schüler im Unterricht die Ideen von Marx und Engels zu verteidigen, wird einem vom bürgerlichen Lehrer vorgehalten: »Eine schöne Idee, aber leider nicht zu verwirklichen.« Marx und Engels haben aus guten Gründen nur wenige und vage Angaben über die zukünftige Gesellschaftsform gemacht. Ihre Arbeit bestand im Wesentlichen darin, die Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise darzustellen, die zum Untergang dieser Gesellschaftsform führen müssen. Entweder durch den Übergang der Macht von der einen zur anderen Klasse oder durch den Untergang beider kämpfender Klassen (Manifest). Wenn die kapitalistische Produktionsweise irgendwann in einer unüberwindlichen Sackgasse steckt, also die weitere Entwicklung der Produktivkräfte lähmt, muss das Proletariat mit anderen verbündeten Klassen einen Ausweg finden um zu überleben. Die Voraussetzungen einer klassenlosen Gesellschaft sind etwas anderes als das »Bild« einer Gesellschaft:

  • Gesellschaftliches Eigentum an den Produktionsmitteln,
  • Produktion für den Bedarf und nicht für einen im Tausch zu erzielenden Profit,
  • Demokratie der Produzenten in Form von Räten,

sind zunächst abstrakte Kategorien, die sich erst in der Wirklichkeit mit Leben füllen werden. Wie sich diese Wirklichkeit entwickeln wird, ist theoretisch überhaupt nicht zu klären, sondern eine Frage der politischen Praxis. Niemand kennt vorher die Schwierigkeiten und Widerstände, die sich vor uns auftürmen werden und die wir werden überwinden müssen. Da es dafür noch kein klares Konzept und keine Erfahrung gibt, ist »die praktische Verwirklichung des Sozialismus« als eines »wirtschaftlichen, sozialen und rechtlichen Systems eine Sache, die völlig im Nebel liegt. Die Bolschewiki werden selbst mit der Hand auf dem Herzen nicht leugnen wollen, dass sie auf Schritt und Tritt tasten, versuchen, experimentieren, hin- und herprobieren mussten und dass ein gut Teil ihrer Maßnahmen keine Perle darstellt. So muss es, so wird es uns allen gehen, wenn wir darangehen«. (Rosa Luxemburg im Dezember 1918, wenige Wochen vor ihrer Ermordung, zitiert nach Frigga Haug, »Die Linie Luxemburg-Gramsci«, in »Rosa Luxemburg und die Kunst der Politik«, Argument Sonderband AS 300 (2007).

Menschen beginnen Revolutionen nicht, weil sie ein schönes Bild von der Zukunft haben. Das ist etwas für politische Schwärmer. Revolutionen sind elementare Ereignisse, die ausbrechen, weil die Realität keine Perspektive mehr bietet und unerträglich geworden ist. Meistens enden Revolutionen anders, als sich das diejenigen, die sie begonnen haben, am Anfang dachten. Und Revolutionen haben oft eine sehr hässliche Seite: »Auch der Hass auf die Unterdrücker verzerrt die Gesichtszüge«, sagt Brecht sinngemäß.

Die heroische Seite von Revolutionen ist die Entdeckung der Solidarität, der Schwesterlichkeit und Brüderlichkeit: Klassenbewusstsein entsteht im Zusammenhalt gegen den gemeinsamen Gegner in einer wirklichen Schlägerei. Wie absurd klingen hier folgende Sätze: »Können wir den verbreiteten Verlust von Klassenbewusstsein damit auffangen, dass wir den Lohnabhängigen den Sozialismus und seine bisherige Geschichte besser erklären? Ich meine nein: Wir müssen uns das erst einmal selber erarbeiten.« (S. 30) Wir können zur Stärkung des Klassenbewusstseins beitragen, indem wir uns an den Schlägereien beteiligen. Das verbindet uns mit den unterdrückten Massen. Ohne diese Verbindung sind unsere Theorien blutleer und vergeblich. Wenn der redaktionelle Beitrag von »unserem Bild des Sozialismus« spricht oder von der Sowjetunion als einem »wünschenswerten Modell« – oder eben nicht –, besteht die Gefahr, an Platons Höhlengleichnis erinnert zu werden: Nach diesem Gleichnis gibt es eine ideale Welt und wir sehen nur ihre Schatten an der Höhlenwand. Der kritisierte Artikel möchte sicherlich nicht so verstanden werden, dass es einen »idealen Sozialismus« gäbe und die Sowjetunion nur ein Zerrbild davon gewesen sei.

Der redaktionelle Beitrag spricht davon, dass wir die existierende Sowjetunion gegen ihre Feinde verteidigen mussten, indem wir ihre materiellen Schwierigkeiten und den aus ihrer Schwäche entstandenen Terror und ihre Bürokratie erklären. Heute dagegen, nach ihrem Untergang, sei unsere Aufgabe zu erklären, wie die Sowjetunion ihre Ideale verloren habe (S. 30) Die Idealisierung und Mystifizierung der Sowjetunion durch die moskautreuen Parteien weltweit konnte ihren Zusammenbruch nicht verhindern. Es war richtig, den gesprächsbereiten Kolleginnen und Kollegen gegenüber die Schwächen und die grausamen Verhältnisse offen einzugestehen. Es war richtig, diese Schwächen aus den materiellen Schwierigkeiten heraus zu erklären. Warum sollte das heute nicht mehr gelten? Reden wir nicht von den Schwächen und den grausamen Verhältnissen beim Sklavenaufstand unter der Führung des Spartakus? Bei den deutschen Bauernkriegen? Bei der großen französischen Revolution? Müssen wir als Materialisten nicht erklären, wie diese Bewegungen in den ökonomischen und historischen Bedingungen ihrer Zeit verhaftet waren? Und heben wir nicht hervor, welchen Fortschritt sie trotzdem für die Menschheit bedeutet haben? Warum soll das für die Pariser Kommune von 1871 und für die Sowjetunion nicht gelten? Besteht nicht die Gefahr, dass mit einem schönen »Sozialismusbild« eine Hintertür für Entsolidarisierung offen gelassen wird? Was bedeutet das für zukünftige Umwälzungen, wenn sie nicht diesem »Bild« entsprechen? Und wer könnte erwarten, dass sich diese Umwälzungen friedlich und freundlich, langsam und leise vollziehen werden?

Auch einige andere Sätze in diesem und im vorhergehenden ebenfalls redaktionellen Beitrag lassen erstaunen: »Wenn der Erste Weltkrieg der bürgerlichen Herrschaftsform zum endgültigen Durchbruch verholfen und ihre Antithese, die sozialistische Oktoberrevolution, geboren hatte, so setzte der Zweite Weltkrieg die soziale Frage in bis dahin nicht gekannter Breite und Tiefe (sozialistische Umwälzung im Osten, staatliche Sozialpolitik im Westen) und den Antifaschismus (Wiederherstellung, Verteidigung und Ausbau demokratischer Rechte) auf die Tagesordnung.« (S. 29) Die »soziale Frage“! Sie wurde also nach dem 2. Weltkrieg in nie gekannter Breite und Tiefe auf die Tagesordnung gesetzt? Die »staatliche Sozialpolitik« in Westeuropa nach 1945 hatte also eine größere Tiefe als die Revolutionen in Europa am Ende des ersten Weltkriegs oder die Revolution in Spanien 1936? Und in Osteuropa fanden tatsächlich sozialistische »Umwälzungen« statt? Waren diese Länder nicht von der Sowjetunion besetzt, die ihnen notwendigerweise ihr eigenes Gesellschaftssystem aufzwingen musste? Weil sie nicht zulassen konnte, dass in den Ländern unter ihrer Kuratel ein innerer Feind in Form einer sich entwickelnden Bourgeoisie entsteht? Nennen wir so etwas eine sozialistische »Umwälzung“?

Und »die Arbeiterbewegung« war wirklich stärker als vor dem zweiten Weltkrieg? Ist eine Arbeiterbewegung insgesamt stärker, wenn ihr revolutionärer Flügel demoralisiert ist und ihr reformistischer Flügel aufblüht?

„Die soziale Frage ist aus der nationalen und internationalen Politik nicht mehr wegzudenken.« (S. 30) Haben wir nicht begriffen, dass alle Geschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen ist? Was soll dann so ein Satz?

Die »soziale Frage«, die Klassenfrage, stellt sich in Deutschland heute anders als im Zarenreich vor hundert Jahren. Vor uns liegt nicht die Aufgabe, ein Land zu industrialisieren. Wir haben es in einer voll entwickelten Industriegesellschaft mit einer krisenhaften Kapitalakkumulation zu tun, die auch stofflich mehr und mehr an ihre Grenzen zu kommen droht. Die Widersprüche sind heute andere und die Antworten werden andere sein als vor hundert Jahren in Russland. Aber sie haben es gewagt!

B. 05.12.2017


 

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