Antifaschistischer Stadtführer des DGB in Hanau

Im November 2016 erschien in Hanau ein antifaschistischer Stadtführer, herausgegeben vom dortigen DGB. Er stellt die Stadtgeschichte zu diesem Thema in Zusammenhang mit den Kämpfen der Gewerkschaften und der Arbeiterbewegung vor Ort. Damit unterscheidet er sich von den oft nur oberflächlichen und vorwiegend moralischen Darstellungen, wie sie in Publikationen und Veröffentlichungen von Kommunen oder offiziellen Gedenkstätten üblich sind.

Angesichts des hohen Stimmenanteils der AfD unter der Mitgliedschaft der Gewerkschaften leistet der antifaschistische Stadtführer einen wichtigen Beitrag zugleich für die aktuelle Diskussion. Denn er beleuchtet die Klasseninteressen und -konstellationen, die den Faschismus in Deutschland förderten und ihm zum Durchbruch verhalfen. Und er stellt wichtige Fragen zur heutigen Situation.

Aus dem Vorwort des Stadtführers:

Warum einen weiteren antifaschistischen Stadtführer? Warum kann die Geschichte nach über 80 Jahren nicht endlich abgeschlossen werden? Und warum muss so ein Stadtführer ausgerechnet ein Projekt des DGB sein?

Die Antwort darauf ist einfach: Weil das Auftreten des Faschismus in Europa das Ergebnis tiefer Verwerfungen im Gesellschaftsgefüge der kapitalistischen Welt war und seine Hauptstoßrichtung deshalb der organisierten Arbeiterbewegung galt. Die Eliten aus Politik und Wirtschaft fühlten sich bedroht. Hinter der Machtergreifung Adolf Hitlers standen Vertreter des Militärs, des Großgrundbesitzes, der Banken und des Großkapitals. Mit Hilfe der Nazi-Bewegung sollten gewerkschaftspolitische Errungenschaften wie der Achtstun-dentag oder die betriebliche Mitbestimmung rückgängig gemacht werden. In dieser Situation waren es ausgerechnet die Gewerkschaften, die großen Klassenorganisationen der Arbeiterbewegung, die die Waffen streckten und sich dem brutalsten und schärfsten Klassenkampf von oben kampflos unterwarfen.

Wir erleben gegenwärtig nicht nur einen besorgniserregenden Rechtsruck in Europa, sondern auch den Versuch neoliberaler Ideologen, die Gesellschaft umzubauen: Soziale Errungenschaften werden abgeschafft. Demokratische Rechte ausgehöhlt. Stimmung gegen Menschen auf der Flucht gemacht. Damit wird überall in Europa rechtspopulistischen Parteien verbal der rote Teppich ausgerollt.

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen wird die Neuauflage eines Antifaschistischen Stadtführers zum Knotenpunkt von Geschichte und Gegenwart. Wir wollen historische Entwicklungen anhand von Gedenkorten aufgreifen, um auf die Parallelen der aktuellpolitischen Entwicklungen hinzuweisen. Gerade für jüngere Generationen ist die Zeit des deutschen Faschismus ein abgeschlossenes Kapitel, das im Kopf bestenfalls in Schwarz-Weiß-Bildern festsitzt und viel zu schrecklich ist, als dass man sich eine Wiederholung vorstellen möchte. Beim Gedenken an die Verbrechen des Nationalsozialismus darf es nicht um Schuldgefühle gehen, sondern um die Erkenntnis, dass der Widerstand gegen rechte Ideologien auch heute noch notwendig ist.

Wir wollen aber auch an die lange kämpferische Tradition der Hanauer Arbeiterbewegung erinnern. Wir wollen diese Tradition bewusster machen, indem wir den Leser und die Leserin zu Stätten führen, an denen Hanauer Arbeiterinnen und Arbeiter gegen Unterdrückung, Willkür und Terror gekämpft haben. Nach wie vor zeugen Orte in Hanau vom NS-Terror, von der Verfolgung Hanauer Antifaschisten, von der Deputation jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger und von den Greueln des Krieges. Aber eben auch vom Widerstand gegen Faschismus und Krieg. Wenn die Zeichen auf Sturm stehen, muss man nicht zwangsläufig in Deckung gehen, man kann sich dem auch entgegenstellen. In Hanau hat es diesen Widerstand gegeben. Er ist ein bedeutender
Bestandteil demokratischer Hanauer Geschichte.

Der vorliegende Antifaschistische Stadtführer ist daher ein Angebot, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen, um die Gegenwart zu verstehen. Er soll dazu ermutigen, sich der Geschichte zu stellen im Interesse eines wachsameren Umgangs mit der Gegenwart.

Conny Gramm, Stephan Klimczyk, Ulrike Eifler
Hanau, 30.11.2016


aus Arbeiterpolitik Nr. 1/2 2020

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