Wie schafft die Arbeiterklasse die Einheitsfront gegen den Faschismus?

August Thalheimer, 1932

Dieser Text entstammt der Broschüre »Wie schafft die Arbeiterklasse die Einheitsfront gegen den Faschismus?« aus dem Jahr 1932, als der Faschismus schon an der Schwelle zur Macht stand. Im zweiten Kapitel geht Thalheimer auf die Ursachen des faschistischen Aufschwungs ein und beleuchtet die Politik von SPD und KPD

1. Die sozialdemokratische Koalitions- und Tolerierungspolitik seit 1928

Die Sozialdemokratie hat in der Weimarer Republik immerfort Koalitionspolitik mit bürgerlichen Parteien getrieben. Sei es, dass sie in der Regierung war oder als parlamentarische Opposition wieder in eine neue Regierungs-Koalition zu kommen trachtete. Sie erlitt dabei hin und wieder starke Nackenschläge, aber – sie lebte, als bürgerliche Arbeiterpartei, als die Hauptträgerin der kleinbürgerlichen Demokratie und des kleinbürgerlichen Sozialismus.

Aber von 1928 ab wendet sich das Blatt.

Die Reichstagswahlen von Mai 1928 bezeugten eine starke Linksströmung in den Massen, die sowohl der SPD wie der KPD zugute kam.

Die Sozialdemokratie geht in die Regierung. Sie versprach den Massen Erleichterung ihrer Lasten, erweiterte Sozialpolitik, Abbau der Militärlasten, »Kinderspeisung statt Panzerkreuzer«. Die Wirtschaftsdepression setzte in Deutschland ein, noch ehe das Weltungewitter von Amerika losbrach. Die Sozialdemokratie wurde zur tätigen Helferin des Abbaus der das Kapital belastenden Steuern, des Abbaus der Sozialpolitik und der Löhne, nach denen das deutsche Kapital brünstig schrie. Sie wurde zur Helferin der militärischen Aufrüstung. Sie gehorchte blind den Befehlen Groeners. Hatte sie nicht Anspruch auf die Dankbarkeit des Kapitals?

Die Brüning-Regierung setzte finanz-, wirtschafts- und sozialpolitisch nur fort, was die Regierung Hermann Müller und Hilferding begonnen hatte.

Indem die Sozialdemokratie mithalf, die Zugeständnisse abzubauen, die die Arbeiterklasse sich vom Kapital erobert hatte, zog sie der parlamentarischen Republik und damit letzten Endes ihrer eigenen Existenz den Boden unter den Füßen weg, nährte sie die faschistische Demagogie, bahnte sie der faschistischen Massenbewegung im Kleinbürgertum und in der Arbeiterklasse den Weg. Schon in diesem Stadium bereitete sie die Präsidenten-Diktatur vor.

Welch ein Trumpf war es für Hermann Müller, die Autorität Hindenburgs für die Unterzeichnung des Youngplanes ins Feld zu führen! Der Weg zur Reichspräsidentendiktatur wurde von der Sozialdemokratie gebahnt. Zu dem System der Notverordnungen legte die Regierung Hermann Müller die Grundlage. Im »Kabinett der Persönlichkeiten«, mit dem die Sozialdemokratie paradierte, lag bereits der Anspruch auf die Unabhängigkeit der Regierung von den parlamentarischen Parteien, auf Ausschaltung des Parlaments, die Brüning Tag um Tag fortführte.

Die dankbare Bourgeoisie gab der Regierung Hermann Müller und Hilferding den Laufpass, nachdem sie den Youngplan in die Scheune gebracht und den ökonomischen Angriff auf die Arbeiterklasse eingeleitet hatte. (…)

Die Summe der Tolerierungspolitik, die zugleich die Politik des kleineren Übels ist, ist einfach zu ziehen. Der illusionäre Grundgedanke der Tolerierungspolitik war, um jeden Preis den »gemäßigten«, »demokratischen« Flügel der Bourgeoisie zu stützen und ihren »radikalen«, d.h. faschistischen Flügel zu verhindern, an die Macht zu kommen. So sollte die bürgerlich-parlamentarische Demokratie gerettet werden. Aber der »gemäßigte« Teil der Bourgeoisie war ebenso ungemäßigt wie der »radikale« in seinen Angriffen auf die Lebenshaltung der Arbeiterklasse. Die Sozialdemokratie ging also durch Dick und Dünn mit der Bourgeoisie beim Angriff auf die wirtschaftlichen und sozialen Interessen der Arbeiterklasse. Aber um diese Angriffe durchführen zu können, mussten die demokratischen Rechte der Werktätigen. Schritt für Schritt abgebaut, verstümmelt, zertrümmert, das Parlament ausgeschaltet, die Artikel-48-Diktatur des Reichspräsidenten als Haupt der Militärpartei durchgeführt werden. Hatte die Sozialdemokratie also zuerst die wirtschaftlichen Interessen der Werktätigen preisgegeben, um ihre demokratischen Rechte zu retten; so war der zweite Schritt die Preisgabe der demokratischen Rechte, um die wirtschaftlichen Angriffsziele des Kapitals durchführen zu können. Der Abbau des Parlamentarismus und der bürgerlichen Demokratie aber durch die Brüning-Regierung im Bunde mit der Sozialdemokratie, verbunden mit der Preisgabe der wirtschaftlichen Interessen der Arbeiterklasse und des Kleinbürgertums konnte kein anderes Ergebnis haben, als dem Faschismus den Weg zu bahnen: Der Faschismus ist die Vollendung der Verselbständigung der Exekutivgewalt, die vollständige Vernichtung der bürgerlichen Demokratie. Indem die Sozialdemokratie die Macht des Reichspräsidenten ungemessen erhöhen half, indem sie die Militärgewalt allmächtig machte, indem sie die parlamentarische Demokratie in die Militärdiktatur verwandelte, schuf sie alle formalen Voraussetzungen, deren der Faschismus bedarf, um seine Diktatur zu errichten. Indem sie die politischen Rechte und die wirtschaftlichen Interessen der Arbeiterklasse und des Kleinbürgertums dem Angriff der Monopolkapitals preisgab, gab sie gerade das preis, was ihr Wesen ausmachte: die kleinbürgerliche Demokratie und den kleinbürgerlichen Sozialismus. Sie vernichtete so ihre eigene Existenzgrundlage als Partei, trieb das Kleinbürgertum, dem sie weder politisch noch wirtschaftlich mehr etwas zu geben hatte, dem Faschismus zu. Indem sie den Abwehrkampf der Arbeiterklasse gegen den Kapitalangriff unterband, ermutigte sie das Kapital dazu, den Angriff immer weiter zu tragen. So bereitete sie den Boden für den Einbruch des Faschismus auch in die Arbeiterklasse selbst. Mochte noch ein generationlang mit der Sozialdemokratie verbundener Teil der Arbeiterklasse, vor allem die Arbeiteraristokratie, aus Tradition bei der sozialdemokratischen Parteifahne festhalten, obwohl von dieser Fahne nichts mehr übrig blieb als zerrissene Fetzen, was sollte die jüngere, nicht traditionsgebundene Generation, was sollte die außerhalb des engen Parteibezirks stehenden Arbeiter anziehen oder festhalten an einer Sozialdemokratie, die weder die Demokratie noch auch nur kleinbürgerlichen Sozialismus verteidigte, ja, die nicht einmal kämpfte, um die Wirkungen der Wirtschaftskrise auf die Werktätigen zu lindern?

Die Neuköllner Vertreter der Sozialistischen Arbeiterjugend (Eberhard Hesse, links) und des kommunustischen Jugendverbandes (unbekannt, rechts) reichen sich die Hand.

Das Arbeiterkind Erwin Berner wächst in Berlin-Neukölln auf, besucht die Volksschule, absolviert eine Lehre als Kürschner und ist danach arbeitslos. Berner wird Mitglied im Kommunistischen Jugendverband (KJVD). Eine Meute der SA rottet sich am Abend des 2. Februar 1933 vor einem SPD-nahen Reichsbannerlokal in der Fuldastraße zusammen, um es zu stürmen. Aus den umliegenden Häusern und Kneipen strömen Arbeiter herbei, um den bedrängten Genossen beizustehen. Der SA-Mann Fritz Krause schießt in die Menge und trifft Erwin Berner tödlich. Der Todesschütze wird identifiziert, festgenommen und nach sechs Wochen amnestiert. Die Beisetzung von Erwin Berner auf dem Friedhof der Sozialisten in Friedrichsfelde im Februar 1933 ist eine der letzten legalen linken Kundgebungen in Berlin. Tausende Antifaschisten – Sozialdemokraten, Kommunisten und Parteilose – demonstrieren für die Einheitsfront von SPD und KPD.

Die Wirkung der sozialdemokratischen Tolerierungspolitik geht aber noch tiefer. Sie untergräbt am Ende die eigentliche Kerntruppe der Sozialdemokratie, die Arbeiteraristokratie, die in staatlichen, kommunalen. sozialpolitischen usw. Posten untergebrachte sozialdemokratische Hierarchie. Je mehr die sozialdemokratische Politik den Faschismus stärkt, um so mehr werden diese Posten bedroht. Um sich halten zu können, passen sich ihre Inhaber mehr und mehr der faschistischen Strömung an. Von der sozial-demokratischen Bekennerschaft geht es zum Schein der Neutralität und von der scheinbaren Neutralität zum Überlaufen. Der Druck des Faschismus auf die Sozialdemokratie von außen setzt sich im Innern um in die Zersetzung an den Spitzen und das Abbröckeln unten.

In dem Maße aber, wie die Sozialdemokratie durch ihre eigene Politik sich als politischer Machtfaktor und als organisatorische Kraft zugrunde richtet, entwertet sie ihre Bundesgenossenschaft für ihre bürgerlichen Verbündeten, treibt sie insbesondere die Militärpartei dem Faschismus in die Arme. Eine reine Militärdiktatur ist in Deutschland auf längere Zeit nicht möglich. Sie bedarf politischer Massenorganisationen als Stützen. Je starker die konterrevolutionären, faschistischen Massenorganisationen und ihr Anhang werden, um so näher rückt die Verschmelzung zwischen Militärpartei und faschistischer Partei – die Herstellung der entscheidenden Voraussetzungen für den faschistischen Staatsstreich, für die offene und vollendete faschistische Diktatur.

Die Tolerierungspolitik ist Koalitionspolitik im Abstieg: Das Mittragen der Verantwortung ohne unmittelbare Teilnahme an der Regierung, Verantwortung ohne Macht. Sie dient letzten Endes nur noch der Verteidigung der sozialdemokratischen Verwaltungsposten. Aber sie untergräbt schließlich auch noch die Grundlagen der Verwaltungsposten, indem sie die sozialdemokratische Partei untergräbt und schließlich vernichtet.

Auf dem Zuge dieses Zerfalls kommt die Sozialdemokratie gleichzeitig auch vom kleinbürgerlichen Pazifismus zum offenen nationalen Chauvinismus. Aber sie arbeitet damit nur dem offenen und konsequenten Nationalismus, dem Faschismus in die Hände.

Rekapitulieren wir: Die Koalitionsregierung Hermann-Müller-Hilferding leitet den Kapitalangriff, den Abbau des Parlamentarismus und der demokratischen Rechte und die Erhöhung der Macht des Reichspräsidenten ein.

Der Druck des Kapitals von oben, ihrer eigenen Anhänger von unten drängt sie aus der Regierung. Die Koalitionspolitik wird durch die Tolerierungspolitik ersetzt.

Zur Verteidigung der bürgerlichen Demokratie wird ein Bündnis mit dem »gemäßigten« Teil der Bourgeoisie eingegangen, wobei der Sozialdemokratie bereits die Hebel der Regierungsmacht im Reiche aus der Hand geschlagen werden. Um dieses Bündnisses willen gibt die Sozialdemokratie die wirtschaftlichen Interessen der Arbeiterklasse und des Kleinbürgertums dem Angriff des Monopolkapitals preis.

Um den Kapitalangriff führen zu können, müssen auch die politischen Rechte der Arbeiter und Kleinbürger preisgegeben werden.

Hand in Hand damit wächst der Masseneinfluss des Faschismus, wachsen seine Massenorganisationen und zerbröckeln die Sozialdemokratische Partei und ihre Organisationen.

Die Militärdiktatur, die mit Hilfe der Sozialdemokratie aufgewachsen ist, mißhandelt immer ungenierter den immer mehr sich schwächenden sozialdemokratischen Verbündeten, demütigt ihn auf Schritt und Tritt, sprengt schließlich das Bündnis, verschmilzt mit den konterrevolutionären Massenorganisationen des Faschismus und zertrümmert mit ihnen zusammen die reformistischen Organisationen.

Diese ganze Entwicklung, deren größerer Teil bereits zurückgelegt ist, ist bereits in ihrem Ausgangspunkt angelegt, durch ihn bedingt und war aus ihm abzuleiten. So überraschend die Konsequenzen für die reformistischen Illusionäre, deren Absichten eine nach der anderen durch die Dialektik ihres eigenen Handelns in ihr Gegenteil verkehrt wurden, so zwingend ergaben sie sich aus der Voraussetzung, dem Festhalten an dem Bündnis mit der Bourgeoisie in der Epoche des Abbaues der sozialen und demokratischen Errungenschaften.

Der Reformismus, der die Reformen nicht verteidigt, ja sie aufheben hilft, hebt sich auf.

Um die Reformen in der Zeit der tiefsten Erschütterung des Kapitalismus zu verteidigen, muss man über den Kampf um Reformen hinaus und zum revolutionären Angriff übergehen. Man muss sich unmittelbar den Sturz des Kapitalismus zum Ziele setzen. Nur eine bis zu Ende revolutionäre Partei der Arbeiterklasse kann dies tun. Eine reformistische Partei kann dies nicht, eben weil sie reformistisch ist. Unfähig, den notwendigen Schritt vorwärts über den Kampf um Reformen hinaus zu tun, ist sie genötigt, einen Schritt rückwärts zu tun und den Kampf um Reformen aufzugeben. An der ihm durch die wirtschaftlichen Bedingungen und seine Natur gezogenen Grenze angelangt, muss der Reformismus, um sich zu erhalten, sich als Reformismus aufheben. Die reformistische Partei wird zwischen den Mühlsteinen dieses Widerspruchs zermalmt. Das Werk der Vernichtung wird vollzogen durch andere Parteien.

2. Die ultralinke Taktik der KPD

Der Reformismus, als Politik und als Organisation, kann aber nach zwei entgegengesetzten Richtungen aufgehoben werden, in der Richtung der proletarischen Revolution und in der der faschistischen Konterrevolution, nach vorwärts oder nach rückwärts.

Dass der Reformismus überhaupt sich aufhebt, das ist seine eigene Tat und Schuld, sein verdientes Schicksal.

Dass er aber in der gegebenen Lage nach rückwärts, konterrevolutionär aufgehoben wird, das ist die Tat und Schuld des ultralinken Kurses der Führung der Kommunistischen Internationale und der Kommunistischen Partei Deutschlands.

Was war der Ausgangspunkt des ultralinken Kurses, worin bestand er, was war sein Verlauf und seine Folgen?

Der Ausgangspunkt der Wendung zum ultralinken
Kurs hatte nichts zu tun mit der Lage und den Erfordernissen des Klassenkampfes in Deutschland oder in den
anderen kapitalistischen Ländern, sondern lediglich mit den vermeintlichen Bedürfnissen des Fraktionskampfes in der Kommunistischen Partei der Sowjet-Union, die zugleich die Führung der Kommunistischen Internationale inne hat.

Nach dem Tode Lenins (1924) setzte der Kampf um die Führung in der Kommunistischen Partei der Sowjet-Union ein, der zunächst von der Gruppe Stalin-Sinowjew-Bucharin gegen Trotzky und seinen Anhang geführt wurde. Darauf spalteten sich Sinowjew und Kamenjew von der Mehrheitsgruppe ab und bildeten einen Block mit Trotzky. Im Frühjahr 1928 gab es in der Mehrheit eine neue Differenzierung. Der Kampf der engeren Gruppe Stalins gegen die »Rechten«, Rykow-Tomski-Bucharin, bereitete sich vor.

Um internationale Hilfstruppen für diesen Kampf zu gewinnen, schloß die Stalin-Gruppe im Februar 1928 ein Geheimabkommen mit der Führung der KPD (Thälmann-Neumann-Remmele), das den Kampf gegen »Rechte und Versöhnler« auf die Tagesordnung setzte und zum Ausgangspunkt der ultralinken Wendung zunächst in der KPD, sodann in der gesamten Kommunistischen Internationale wurde. Das Abkommen hatte keinerlei allgemein politischen Inhalt, es war zunächst reines Instrument des Fraktionskampfes.

Aber die Logik des innerparteilichen Kampfes führte Schritt für Schritt zum Rückfall in die ultralinke Taktik.

Die grundlegende Wendung nach ultralinks geschah zuerst in der Gewerkschaftsfrage auf dem 4. Kongress der Roten Gewerkschaftsinternationale. Worin bestand sie? Die Hauptlosung kommunistischer Gewerkschaftsarbeit, die bereits der 2. Kongreß der Kommunistischen Internationale festlegte und die von Lenin in seiner Schrift über den Radikalismus, die Kinderkrankheit des Kommunismus eingehend und nachdrücklich begründet wurde, bestand in der Forderung an die Kommunisten, unbedingt in den bestehenden Gewerkschaften, seien sie noch so reaktionär, zu arbeiten, um sie für den Kommunismus zu erobern, d.h. die Mitglieder der Gewerkschaften für die Grundsätze und Ziele des Kommunismus zu gewinnen, indem sich die Kommunisten eben vermöge ihres grundsätzlichen Standpunktes als die besten, entschlossensten, erfolgreichsten Führer im gewerkschaftlichen Kampf erweisen. Gestützt auf die eroberten Sympathien, das Vertrauen und die Überzeugung der Mitglieder, galt es, Schritt für Schritt die unteren und mittleren Funktionärskörper in den Gewerkschaften durch Kommunisten zu besetzen, um schließlich, im Laufe des Kampfes um die Macht, in der akuten revolutionären Krise, die reformistischen Gewerkschaftsführer aus dem zentralen Gewerkschaftsapparat zu verdrängen und die Zentralleitungen der Gewerkschaften durch Kommunisten zu besetzen. Das Kampfinstrument zur Beeinflussung der Gewerkschaftskämpfe im kommunistischen Sinne und zur Eroberung der Gewerkschaften für den Kommunismus sollten die kommunistischen Gewerkschaftsfraktionen sein – die organisatorische Zusammenfassung aller in den Gewerkschaften arbeitenden Kommunisten. Diese Methode des kommunistischen Gewerkschaftskampfes schloss in sich die entschiedene und vollständige Ablehnung der von Lenin als »doktrinär« bezeichnete Linie auf Spaltung der Gewerkschaften mit dem Ziel, neue »revolutionäre« Gewerkschaften zu gründen, die von vorneherein unter kommunistischer Führung stehen, aber kampfunfähig bleiben und die Kommunisten von den breiten Massen der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter isolieren mussten. Die Linie der kommunistischen Gewerkschaftsarbeit war nicht ohne Schwankungen und mit schweren Opfern errungen worden. Die Erfahrung erwies ihre Fruchtbarkeit und Richtigkeit.

Sie wurde jetzt zuerst preisgegeben. Man ging von der Vorstellung aus, es sei ja bis dahin doch nicht gelungen, in irgend einem großen kapitalistischen Lande die Gewerkschaften für die kommunistische Führung zu erobern. Man vergaß, dass dieses Endergebnis nur im Laufe des unmittelbaren Machtkampfes zu erreichen ist. Warum nicht einen Versuch mit der entgegengesetzten Methode machen? Die Einleitung dazu lieferte der 4. RGI-Kongreß im Frühjahr 1928. Der Kurs auf Spaltung der Gewerkschaften und auf die Gründung »eigener« Gewerkschaften wurde nicht offen ausgegeben. Aber die Voraussetzungen wurden geschaffen, die zwangsläufig zu diesem Ergebnis führen mussten. Die Kommunisten in den Gewerkschaften sollten versuchen, eigene Organe (Kampfleitungen usw.) zur selbständigen Leitung der Gewerkschaftskämpfe zu schaffen, die versuchen sollten, die Gewerkschaftsmitglieder organisatorisch außerhalb der Organe der Gewerkschaften gegen sie zusammenzufassen. Die kommunistischen Gewerkschaftsorganisationen innerhalb der Gewerkschaften sollten sich direkt Unorganisierte angliedern.

Die Konsequenz der Spaltung der Gewerkschaften und der Bildung »revolutionärer Verbände« wurde zunächst entrüstet bestritten. Aber es musste die Wirkung des eingeschlagenen Kurses sein und es war die Wirkung. Die Kommunisten verloren einen Stützpunkt in den Gewerkschaften nach dem andern, sie wurden aus den Gewerkschaften herausgedrängt. Andererseits erwies es sich aber als unmöglich, kampffähige, wirkliche Massen umfassende Parallel- oder Gegengewerkschaften zu schaffen.

So verlor die Kommunistische Partei allen Einfluss, alle Hebel in der wichtigsten proletarischen Massenorganisa-
tion, ohne neue wirksamere oder überhaupt wirksame Hebel dafür in die Hand zu bekommen. Sie verlor damit den entscheidenden Hebel für die Führung des wirtschaftlichen Kampfes. Sie verlor somit den unentbehrlichen Ansatzpunkt für den politischen Massenkampf. Sie überließ den Reformisten die Führung der Gewerkschaften.

Den einfachen und durchschlagenden Grund, warum die Methoden der »Attacke der Gewerkschaften von außen« scheitern muss, wußte Stalin im Jahre 1925 gut anzugeben, wo er sagte:

»Diese Leute wollen die Gewerkschaften von außen her ›attackieren‹, indem sie sie als feindliches Lager betrachten. Sie begreifen nicht, dass bei einer solchen Politik die Arbeiter sie naturgemäß als Feinde betrachten werden … Sie begreifen nicht, dass eine solche Politik dem Eindringen der Kommunisten in die Millionenmassen der Arbeiter Abbruch tut, statt es zu erleichtern.«

In Jahre 1929 aber erklärte Stalin:

»Vollkommen denkbar wäre daher eine Situation, in der es notwendig werden kann, parallele Massenorganisationen der Arbeiter zu schaffen entgegen dem Willen der sich an die Kapitalisten verkaufenden Bonzen … Es ist durchaus möglich, dass auch in Deutschland die Entwicklung in dieser Richtung verlaufen wird.«

Zu »Parallelorganisationen« im wirklichen Sinne des Wortes, d.h. zu einigermaßen den freien Gewerkschaften an Umfang ebenbürtigen Gewerkschaftsorganisationen, hat es nun keineswegs gereicht. Es reichte nur zu einigen unbedeutenden Splitterorganisationen. Aber bereits der Versuch dazu hatte die vorausgesehenen unheilvollen Folgen.

Ein zweites Hauptstück des ultralinken Kurses war die Aufgabe der Taktik der Einheitsfront, d.h. der Versuche, mit den reformistischen Organisationen gemeinsame Tageskämpfe auf politischem und wirtschaftlichem Gebiete zu führen. Das Wort Einheitsfront wurde beibehalten, die Sache selbst wurde aufgegeben. Damit gab die Partei das entscheidende taktische Mittel aus der Hand, 1. um zusammen mit reformistisch organisierten Arbeitern wirkliche Massenkämpfe zu führen, 2. um diese Arbeiter auf Grund der eigenen Kampfeserfahrungen vom Reformismus loszulösen. Geraume Zeit wurde von den offiziellen Parteiinstanzen selbst die Aufstellung von Tageslosungen und die Organisierung des Kampfes für sie als »Opportunismus« verpönt. Zur »Begründung« sowohl der ultralinken Gewerkschaftspolitik wie der Aufgabe der Taktik der Einheitsfront wurde die Theorie vom »Sozialfaschismus« erfunden, die »Theorie« nämlich, dass die Sozialdemokratie ein Bestandteil des Faschismus sei – sein »linker Flügel«. Es blieb nicht nur bei dieser »Theorie«, sie wurde Leitfaden der Massenagitation und der Massenpropaganda. Sie verschärfte die verheerenden Folgen der falschen Gewerkschaftspolitik und der Aufgabe der Taktik der Einheitsfront. Die reformistischen Arbeiter, die als eine besondere Art von Faschisten angesprochen wurden oder deren Führer als eine besondere Art von Faschisten bezeichnet wurden, verschlossen der kommunistischen Einwirkung das Ohr. Für die kommunistischen Parteiinstanzen, aber auch für viele (unerfahrene) Parteimitglieder war dies gerade der Beweis dafür, dass die taktische Linie der Partei richtig sei.

Der Unterschied zwischen der reformistischen und der faschistischen Methode bürgerlicher Politik mag zu denen gehören, die Lenin als vom nur theoretischen Standpunkt »unwesentlich« bezeichnet (wenn man als theoretisch wesentlich nur den kapitalistischen Klasseninhalt bezeichnet), aber er gehört zu den Unterschieden, deren Verkennung oder Vernachlässigung praktisch und taktisch für die Organisierung des revolutionären Massenkampfes die katastrophalsten Folgen hat.

Das dritte Hauptstück des ultralinken Kurses war die Verkennung des wirklichen Faschismus und die Zugeständnisse an den kleinbürgerlichen Nationalismus, das Kernstück der faschistischen Ideologie. Die Grenzen zwischen Kommunismus und Faschismus wurden verwischt.

Die innerparteilichen Folgen des ultralinken Kurses waren eine neue Spaltung der kommunistischen Bewegung, die Abspaltung der Kommunistischen Opposition, die der Partei ihre erfahrensten und festesten Kampfkader nahm, die Erdrosselung der innerparteilichen Demokratie und damit eines wirklichen geistigen Lebens in der Partei, die Übermacht einer sich jeder Kontrolle durch die Mitglieder entziehenden Parteibürokratie.

Die Wendung zum ultralinken Kurs der KPD und der Kommunistischen Internationale wurde im Februar 1928 eingeleitet und im Laufe dieses und des nächsten Jahres in allen ihren wichtigen Bestandteilen durchgeführt.

1929 begann die Regierung Hermann Müller-Hilferding. Die Wirtschaftskrise in Deutschland setzte ein, um gegen Ende 1929 in die von Amerika aus sich ausbreitende Weltwirtschaftskrise einzumünden. Es begann der Kapitalangriff auf die Arbeiterklasse und der Angriff auf die politischen Rechte der Werktätigen.

Die Liquidation des Reformismus war auf die Tagesordnung gesetzt. Es war, objektiv, ebenso möglich, dass der Reformismus nach vorwärts durch den Kommunismus, als dass er nach rückwärts durch den Faschismus liquidiert wurde.

Entscheidend dafür war, ob die Kommunistische Partei imstande war die Führung der vom Reformismus dem Kapitalangriff und dem Angriff auf ihre politischen Rechte preisgegebenen Arbeiter und Kleinbürger zu übernehmen, diese Masse in die Aktion, in die Massenabwehr und aus der Abwehr zum Gegenangriff zu führen. Die 1928 einsetzende ultralinke Taktik machte dies unmöglich. Der Bankrott des Reformismus schlug zugunsten des Faschismus aus. Die Waagschale senkte sich nach rechts. Noch im Mai 1928 ging die Massenströmung nach links. Ein Jahr später signalisierten die sächsischen Landtagswahlen ihre Umkehr, die Grundtendenz nach rechts.

Die Politik Hermann Müller-Hilferding plus ultralinker Kurs der KPD ergab exakt die Umkehr.

Das sind die entscheidenden Ursachen.


 

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*