Thyssenkrupp: Fall ins Bodenlose?
Immer mehr Arbeitsplätze werden ohne Gegenwehr der Belegschaften vernichtet.

Warnstreik der IG Metall – Quelle: Wikimedia

Die im Zusammenschluss thyssenkrupp tätigen Konzerne Krupp, Thyssen und Hösch waren noch bis Ende des letzten Jahrtausends Traditionsnamen des deutschen Kapitals, die wesentlich die Industrie- und Wirtschaftsgeschichte in Deutschland mitgeschrieben haben.

Mehrere Millionen Menschen verkauften seit Bestehen der Fabriken dort ihre Arbeitskraft. Immer gut vernetzt mit den jeweiligen Regierungen (ganz gleich ob Konservative, Sozialdemokraten, Christen oder Faschisten) gelang es den Eignern, Gewinne riesigen Ausmaßes aus der Arbeit der dort Tätigen anzuhäufen.

Dies war die Voraussetzung, um mit Beginn der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts als Global Player auftreten zu können. Weltweit wurden immer mehr Stahl hergestellt und Stahlprodukte gehandelt. Der Preis für die Tonne „einfachen“ Stahls sank beständig. Konkurrenz- und Innovationsdruck weltweit nahmen nochmals zu, als China seit Anfang der 90er Jahre zu den Global Playern hinzustieß.

Die Stahlkonzerne in Deutschland mussten in noch größerer Rasanz Kosten in allen Bereichen rapide senken. Die Produktion der „einfachen“ Stähle wurde praktisch aufgegeben, Spezialstähle wurden optimiert, Produktionsverfahren wurden neu- und weiterentwickelt, Weiterverarbeitung spezialisiert, Ausweitungen in den Nicht-Stahl (u. a. Chemie, Bergbau) vorgenommen, Handelsabläufe und -methoden weltweit vernetzt, und nicht zuletzt wurde der deutsche Stahlmarkt bereinigt.

Anfang der 90er Jahre wurde der internationale Konkurrenzdruck derart groß, dass es erstmals in der deutschen Konzerngeschichte zur „feindlichen“ Übernahme kam: Krupp schluckte 1992 Hösch. Als das Gleiche ein paar Jahre später mit Thyssen geschehen sollte, scheiterte dies zwar durch Indiskretionen und von der IG Metall organisierten Belegschaftsprotesten, mündete jedoch 1999 in der Fusion der beiden Konzerne.

Mitte des folgenden Jahrzehnts beginnt das große Straucheln des Konzerns. Fehlinvestitionen und Fehleinkäufe insbesondere in Brasilien und den USA führten zu riesigen Verlusten. In der Folge wurden neu gebaute Werke und Geschäftssparten verkauft und neue Fusionen versucht – zumeist spektakulär erfolglos, z.B. Dofasco bis hin schließlich zu Tata Steel.

Mitte 2018 gaben Tata Steel und thyssenkrupp ihr beabsichtigtes Joint Venture bekannt, was nach Einspruch der EU-Kommission wegen Wettbewerbsverzerrung ein Jahr später wieder fallen gelassen wurde. Ab hier geht es eigentlich darum, die drohende Insolvenz abzuwenden, indem unprofitable Betriebsteile stillgelegt, profitable Betriebe hingegen verkauft werden (Rolltreppen, Aufzüge), um Finanzlöcher zu stopfen und Boni an Manager zahlen zu können; Verwaltungen werden immer dichter zusammengelegt, und Personal wird drastisch gekappt.

Zuletzt hat der geschäftsführende Vorstand (GV) den Milliarden-Einstieg des Bundes abgelehnt, weil der Bund auf den üblichen Zinssatz beharrt und thyssenkrupp keine Sonderkonditionen eingeräumt hat, da zuvor thyssenkrupp eine direkte Einflussnahme des Bundes abgelehnt hatte.

Die ständig defizitäre Stahlsparte (27 000 Beschäftigte) will man loswerden – entweder verkaufen (einzeln oder komplett an einen Bieter) oder dichtmachen, auch wenn das mit dem „Tabubruch“ von Entlassungen einhergeht.

Die Beschäftigtenzahl bei thyssenkrupp hat sich weltweit von 162 000 (2019) auf 104 000 (2020) verringert. Der erhebliche Rückgang ist vor allem auf den Verkauf der profitablen Aufzugsparte mit rund 53 000 Beschäftigten zurückzuführen. Mindestens 11 000 Stellen sollen in den nächsten 2 Jahren gestrichen werden, zwei Drittel davon in Deutschland. Deutschlandweit sind nur noch 56 445 (Geschäftsbericht 2019/20) Kolleg*innen beschäftigt. Nun wird das Werk in Duisburg-Hüttenheim für Grobblech mit 800 Beschäftigten spätestens zum 30.09.2021 komplett geschlossen. Entlassungen „sollen vermieden werden“. Rund 90 % der Beschäftigten sollen auf andere Arbeitsplätze bei thyssenkrupp versetzt werden, 10 % über Altersteilzeitregelungen ausscheiden.

thyssenkrupp Olpe-Lüttringhausen wird Ende 2021 geschlossen. Von den rund 340 Beschäftigten beteiligten sich gut 200 an einem Warnstreik (Juli 2020). Ein Sozialplan wurde abgeschlossen.

Der profitabelste Bereich – der weltweite Handel mit Werk- und Rohstoffen und Dienstleistungen – wurde weiter ausgebaut. Er erwirtschaftet mehr als die Hälfte des Umsatzes mit ca. 20 000 Beschäftigten, die auf 40 Länder verteilt sind.

Insgesamt führt dies in den Belegschaften zu bisher so nicht gekannten Vorgehensweisen und Verhaltensweisen des Managements. Kolleg*innen werden in Einzelgesprächen zu Versetzungen, Entlassung in Auffanggesellschaften (nach einem Jahr erfolglosen Bemühungen Arbeitslosigkeit) und Annahmen von Vorruhestands“angeboten“ genötigt, wenn sie einer Entlassung entgehen wollten. Dies trifft vor allem den Verwaltungsbereich, da im Produktionsbereich bereits alle „Optimierungen“ vollzogen worden sind und dort jeder weitere Personalabbau den Produktionsablauf gefährden würde. Von Heute auf Morgen stellen sich versetzte Kolleg*innen aus anderen Betrieben und Städten in ihnen unbekannten Teams vor. Etliche Kolleg*innen, die erst in einigen Jahren ihren Renteneinstieg geplant hatten, müssen ihren Kolleg*innen nun mitteilen, dass sie bereits vorzeitig „aussteigen“ (mit Einkommens- und Renteneinbußen selbstredend).

Bei alledem ist in den Betrieben und Verwaltungen kaum etwas an Gewerkschaftspräsenz zu verspüren. Am 16.10.2020 fand in Düsseldorf eine Demonstration mit 3 000 Gewerkschafter*innen statt, wo die IG Metall noch Gegenwehr signalisierte und den GV dazu aufforderte, dem Einstieg des Bundes bei thyssenkrupp zuzustimmen. Seitdem aber werden weder strategische Gewerkschaftspositionen durch Info-Material vermittelt, noch lassen sich Betriebsräte auf irgendeine Form des Austausches ein (Corona gibt eine gute Ausrede ab). Reguläre Betriebsversammlungen finden auch nicht statt. Die Onlineveranstaltungen werden von Vorstands-Profirednern stundenlang dominiert. Dabei sind an den meisten Konzernstandorten mehr Betriebsräte freigestellt, als es nach dem Betriebsverfassungsgesetz notwendig wäre.

Insgesamt führt dies in den Belegschaften zu einer nahezu fatalistischen Grundhaltung. Die Erfahrungen des teilweise selbständigen Handelns der 70er Jahre und der vereinzelten großen Streiks der 80er mit treibenden Initiativen aus den Betrieben heraus liegen weit zurück. Die wirtschaftliche Entwicklung mit ihren schnellen Veränderungen in den Verwaltungs- und Produktionsabläufen scheint die Kolleg*innen zur Akzeptanz von persönlichen materiellen Einkommenseinbußen weichgeklopft zu haben.

Die Gewerkschaften können mit ihren gegenwärtigen Vorgehensweisen die Besitzer der Ware Arbeitskraft nur unzureichend schützen. Eine selbständige Kraft der Gegenwehr gegen die aktuellen Maßnahmen der Entscheidungsträger in den Betriebsleitungen kann sich gegenwärtig offensichtlich nicht organisieren. Was bleibt, ist das Hoffen der Kolleg*innen auf einen individuellen Ausweg. Dies ist auch eine Erklärung für den deutlichen Mitgliederschwund bei den Gewerkschaften.


 

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