Solidaritätsreise nach Griechenland
Konservative haben abgewirtschaftet – es fehlt eine linke Alternative

Korrespondenz

Wir hatten zwei Treffen mit Kollegen aus den Gewerkschaften:

Erstens mit Apostolis Kapsalis, er ist Professor an der Panteion Universität in Athen und arbeitete als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim griechischen Gewerkschaftsbund für die Privatwirtschaft (GSEE).

Er erläuterte den anhaltenden Bevölkerungsrückgang: einerseits Folge der Abwanderung jüngerer, gut ausgebildeter Menschen in Folge der seit 2007/08 anhaltenden und nicht überwundenen Finanzkrise und des Geburtenrückgangs. Andererseits der Entvölkerung des ländlichen Raums durch den Klimawandel. Er raubt den Bauern die Existenzgrundlage, verschärft durch die Ansiedelung von riesiger Flächen für Wind- und Solarenergie, mit denen kapitalkräftige Investoren Subventionen abgreifen.

Er bezeichnete die Regierung als „kriminelle Bande“ ohne Legitimation in der Bevölkerung und erläuterte die Gründe für die Schwäche der Gewerkschaften. „Während also die Regierenden in den Augen der Bevölkerung jede Legitimation verloren haben, greifen die Gewerkschaften erschreckender Weise diese Kritik nicht auf. Der Generalstreik, der für den kommenden Tag geplant ist, ignoriere diesen Mangel an Legitimation und beschränke sich auf Forderungen gegen ein neues Gesetz, das eine tägliche Arbeitszeit von 13 Stunden bei einem Arbeitgeber legalisiert. Dabei ist jetzt schon eine tägliche Arbeitszeit bei vielen normal, allerdings bei zwei verschiedenen Arbeitgebern. Besser wäre es gewesen, den Sturz der Regierung auf die Tagesordnung und ins Zentrum des Generalstreiks zu stellen.

In Folge der seinerzeitigen Troika-Auflagen gibt es keine Tarifverträge und oft keine Vertretungsorgane der Gewerkschaften mehr. Dadurch entsteht ein Teufelskreis: Die Gewerkschaft ist weniger attraktiv, verliert Mitglieder und wird dadurch schwächer, was wiederum ihre Attraktivität weiter vermindert. Die allgemeine Streitbereitschaft hat stark abgenommen, zumal es keine Streikgelder gibt.[1]

Ein zweites Treffen hatten wir mit drei Kollegen von den griechischen Bahngewerkschaften: Giorgos, Panagiotis und Vasilis konkretisierten am Beispiel der Eisenbahn, was wir schon von Apostolis als allgemeine Zustandsbeschreibung erfahren hatten. Auch die Eisenbahner berichteten von abnehmender Streikbeteiligung seit den Kämpfen gegen die Memoranden zwischen 2011 und 2015. Bestenfalls folgen noch 15 Prozent der Belegschaften den Aufrufen. Gründe sind Entrechtung, Angst, Verunsicherung und die große Enttäuschung über die Gewerkschaftsführungen und die Syriza-Regierungen in den Jahren 2015 bis 2029. Kennzeichnend ihre Aussage: „In Griechenland ist Gewerkschafter zu sein zurzeit die schwierigste Angelegenheit.

Bei der griechischen Staatsbahn arbeiten nur noch 700 Festangestellte. Weitere 600 werden als Freiberufler beschäftigt. Als Giorgos vor 42 Jahren bei der Bahn angefangen hat, waren es noch 15.000 Festangestellte. Mit der Aufteilung der Bahn wurde bereits um die Jahrtausendwende begonnen und später ein Teil privatisiert.

Infrastruktur und Instandhaltung wurden 2017 und 2019 an unterschiedliche private Unternehmen abgegeben. Viele Strecken wurden stillgelegt, auch die Bahnverbindungen ins Ausland. Griechenland ist seit vielen Jahren nicht mehr mit der Bahn erreichbar. „Wir haben keine Bahn mehr“, so die bittere Zusammenfassung der Kollegen. Bis auf eine Verbindung nach Patras wurden sämtliche Nebenstrecken gestrichen, der Zugverkehr auf der Hauptstrecke zwischen Athen und Thessaloniki um 50 Prozent reduziert. Die staatlichen Subventionen für die private Bahngesellschaft in Höhe von 50 Millionen Euro pro Jahr fließen trotz der verminderten Leistung in gleicher Höhe weiter.

Den Nutzen von der Reduzierung der Bahnverbindungen haben die Besitzer der Autobahnen, für deren Benutzung eine hohe Maut bezahlt werden muss. Außerdem profitieren die Luftfahrtgesellschaften, die Busunternehmen und die Raffinerie-Besitzer. Viele dieser Unternehmen seien mit der regierenden konservativen Nea Demokratia eng verbunden.

Ein Teil des Bahnverkehrs wird von der privaten Hellenic Train, einer privatrechtlichen Tochtergesellschaft der staatlichen italienischen Ferrovie delle Stato Italiane betrieben, der andere ist weiter in staatlicher griechischer Hand. Faktisch agieren die beiden Gesellschaften wie ein Kartell, von Wettbewerb könne keine Rede sein.

Am späten Abend des 28. Februar 2023 prallten auf der Strecke zwischen Athen und Thessaloniki ein Frachtzug und ein Personenzug in der Nähe der Ortschaft Tempi in Thessalien frontal aufeinander. Beide Züge waren auf dem gleichen Gleis unterwegs. Moderne Sicherheitssysteme, die dies automatisch hätten erkennen und die Züge anhalten können, waren zwar längst angeschafft, aber noch immer nicht installiert. 57 Menschen starben und weitere 25 erlitten schwere Verletzungen.

Vassilis von der Gewerkschaft der Mechaniker spricht bei diesem Unfall nicht von einem Unglück, sondern von einem Verbrechen. Die Katastrophe sei vorhersehbar gewesen, und seine Gewerkschaft habe jahrelang auf allen erdenklichen Wegen gewarnt. Sicherheitssysteme und ausreichende Arbeitskräfte würden fehlen. Doch die Regierung hätte diese Warnungen in den Wind geschlagen.

Das „Zugverbrechen“ von Tempi

Den sowohl emotional bewegendsten als auch spannendsten Vortrag hielt Ilias Papangelis. Sein Bericht liest sich wie ein Polit-Thriller. Er ist der Vater einer beim Zugverbrechen getöteten jungen Frau, Anastasia. Er berichtete zuerst von jenem verhängnisvollen 28. Februar 2023, an dem seine Tochter durch Korruption und Gier getötet wurde, wie er sagte.

Unmittelbar nach dem Zusammenstoß des Personen- mit dem Güterzug wurde die Unfallstelle abgesperrt und entscheidende Beweise vernichtet. Es sollte vertuscht werden, welche gefährlichen und explosiven Stoffe der Transportzug geladen hatte, offensichtlich mit Wissen und im Auftrag hoher Regierungsmitglieder. Es war der Verein der Angehörigen der Opfer, der durch ständige Nachfragen und durch eigene Recherchen zunehmend Licht ins Dunkel brachten. Die offiziellen Verlautbarungen und Erklärungen wurden in den Augen der Bevölkerung immer fragwürdiger, dienten eher der Vertuschung als der Aufklärung.

Zum zweiten Jahrestag des Zugverbrechens, am 28. Februar 2025, gab es die größten Demonstrationen der griechischen Geschichte. Bis zu einer Million Menschen nahmen daran allein in Athen teil. Aufgerufen hatte der Verein der Angehörigen. Zwar beteiligten sich zahlreiche linke Organisationen und Parteien als auch Gewerkschaften. Aber ohne den Verein der Angehörigen als Initiator und Motor wäre diese Massenmobilisierung nicht möglich gewesen. Eine Folge der Enttäuschung großer Bevölkerungsteile über die Gewerkschaften und über die linken Parteien vor allem seit der Kapitulation von Ministerpräsident Tsipras und seinem engsten Umfeld aus dem SYRIZA-Parteivorstand. So wurden die bislang größten Demonstrationen zu einer Manifestation für das Abwirtschaften der Nea Demokratia, die 2019 wieder in die Regierung gewählt wurde. „Wer solch eine Regierung hat, braucht keine Feinde mehr“, kommentierte Manfred aus der Reisegruppe. Aber eine greifbare linke Alternative, die das verloren gegangene Vertrauen wiedergewinnen könnte, fehlt noch.

Solidarität mit dem Befreiungskampf des palästinensischen Volkes

Neben den Treffen mit Kolleg/Innen aus den Gewerkschaften gab es zahlreiche Infogespräche mit antimilitaristischen Organisationen, wie der Initiative „Anti-Nato-Aktion, Athen“, zu der wir schon seit Beginn des Krieges um die Ukraine Kontakt haben. Weitere Treffen gab es mit Fotis Terzakis, dem Übersetzer von Ilan Pappé, „March to Gaza“, „BDS Greece“ und „Sumud Gaza Flotilla“. Inhaltlich standen der Völkermord in Gaza im Vordergrund der Informationen und Diskussionen. Die völkerrechtswidrigen Angriffskriege Israls bestimmten auch unsere aktuelle Teilnahme an Demonstrationen und Aktionen, so bei der Spontan-Demo gegen den Angriff der israelischen Marine auf die „Gaza-Flotilla“ in internationalen Gewässern und dem Marsch zur israelischen Botschaft am darauffolgenden Tag.

Die Solidarität mit Palästina ist in griechischen Bevölkerung traditionell sehr groß. Es fehlen aus diesem Grund auch die restriktiven Auflagen und Verbote, wie sie in der BRD üblich sind. Die herrschende Klasse in Deutschland versucht ihre Verbrechen während des Faschismus zu instrumentalisieren, um eine bedingungslose Solidarität mit dem israelischen Apartheid-Regime zu erzwingen. Eine solche Vergangenheit gibt es in Griechenland nicht und keine dem entsprechenden Verbote. Ilan Pappé, der mutige israelische Historiker, der sich stets als entschiedener Verfechter der palästinensischen Sache gezeigt hat, erklärte kürzlich in einer Rede in Athen: „Meinen deutschen Freunden würde ich sagen: Ihr habt euch einmal auf der falschen Seite der Geschichte wiedergefunden; passt auf, dass ihr euch nicht ein zweites Mal dort wiederfindet.[2]

Bei der politischen und militärischen Unterstützung Israels von Seiten der Regierungen gibt es allerdings keinen Unterschied zur BRD. Die israelischen Streitkräfte können sich auf eine enge militärische Zusammenarbeit stützen, deren Luftwaffe beispielsweise die griechischen Stützpunkte zu Übungszwecken beim Angriff auf den Iran nutzen konnten. Auch Waffen- und Treibstofflieferungen aus Griechenland ermöglichen weiterhin die Kriegsführung Israels.

Umgekehrt sieht es unter den Beschäftigten aus. In vielen, vor allem Basisgewerkschaften gehört die Zusammenarbeit mit „BDS Greece“ zur täglichen Routine. „Im Juli gab es eine wichtige Aktion im Hafen, als ein Schiff mit militärischer Ladung für Israel von Hafenarbeitern der ENEDEP-Gewerkschaft (PAME) nicht beladen wurde. Die Info kam von BDS. Es war das erste Mal, dass BDS und PAME zusammenarbeiteten. Drei- bis viertausend Menschen waren zur Unterstützung gekommen.[3]

Zumindest vom politischen Klima erwies sich der Besuch in Griechenland als erholsam. Es fehlten auf den Demonstrationen die aus Deutschland bekannten Polizeiketten, die jeden Menschen herausgreifen und verhaften, der verbotene Parolen skandiert oder zeigt. Eine entsprechende Gesetzgebung und Repression gibt es in Griechenland noch nicht.

Migrationspolitik, Kampf gegen Metrostation und Großprojekte gegen lokale Interessen

Den Abschluss unserer Solidaritätsreise bildeten Informationsveranstaltungen zur Situation der Flüchtlinge, zum Kampf gegen die Gentrifizierung im Athener Stadtteil Exarchia sowie zum Agieren internationaler Investoren für Wind- und Solarenergie gegen die Interessen der lokalen Bevölkerung.

Ich empfand unseren Besuch als einen der interessantesten und lehrreichsten, an denen ich in all den Jahren teilgenommen habe. Dazu beigetragen haben die Genossinnen und Genossen, die erstmals mitgekommen waren: zwei junge Mitglieder aus der Initiative „Rheinmetall entwaffnen“, ein palästinensischer Aktivist aus Berlin und zwei Angehörige des gewerkschaftlichen und friedenspolitischen Ratschlags aus Kassel.[4]

A.B.: 12. Dezember 2025


[1] Arpo: Gegen Spardiktate und Nationalismus, vom 12.11.2025
[2] Arpo: Geschichte und aktuelle Situation der zionistischen Vertreibung in Palästina, vom 05.11.2025
[3] Arpo: Gegen Spardiktate und Nationalismus, vom 12.11.2025
[4] Arpo: Gegen Spardiktate und Nationalismus, vom 12.11.2025


 

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