Der diesjährige 1. Mai in Kassel
Die Kriege kosten unvorstellbare Summen – jetzt werden wir zur Kasse gebeten !

Korrespondenz

Der diesjährige 1. Mai in Kassel war erheblich zahlreicher besucht und deutlich politischer als im letzten Jahr. Das lag nicht zuletzt an der DGB-Jugend, die gemeinsam mit der SDAJ und ’solid auf Plakaten ihre Ablehnung von Wehrpflicht und Militarisierung deutlich machten. Auch Kollegen von VW trugen ein viel beachtetes Transparent mit der Aufschrift: „Wir wollen bei VW nicht den Tod produzieren„.
Zur Unterstützung dieser Minderheit von Kolleg*innen in den Gewerkschaften, die schon heute den Zusammenhang zwischen Kriegsvorbereitung und Sozialabbau sehen und dagegen Widerstand entwickeln, verteilten Kolleg*innen des Forums Gewerkschaften das nachfolgend dokumentierte Flugblatt :
Die Kriege kosten unvorstellbare Summen – jetzt werden wir zur Kasse gebeten„.


Forum Gewerkschaften Kassel

Wir müssen die Kriege bezahlen

Nach den Wahlen in Ungarn frohlockten Merz und die oberen Ränge der EU-Bürokratie, jetzt könne man endlich die 90 EU-Milliarden an die Ukraine überweisen und die Finanzierung des Krieges sei für weitere Jahre gesichert. Zeitgleich kündigte Gesundheitsministerin Warken an, in Deutschland 20 Milliarden im Gesundheitssystem einzusparen. Nach unseren Erfahrungen mit der Merz-Klingbeil-Re­gierung halten wir es für wahrscheinlich, dass die Profite der Pharmaindustrie weitgehend geschont werden und die abhängig Beschäftigten den Löwenanteil aufbringen müssen: Ende der Familienmit­versicherung, drastisch erhöhte Zuzahlungen, Kahlschlag bei den Leistungen. Jetzt noch der Angriff auf die Rente. Je ärmer und sozial schwächer ein Mensch in Merz-Deutschland ist, desto größere Lasten werden ihm anteilsmäßig auf­erlegt. Die Superreichen werden geschont.

Wenn der Irre in Washington verlangt, 5% der Wirtschaftsleistung für Rüstung aus­zugeben, heißt das, dass nur noch jeder zweite Euro, den der Staat auf Bundes­ebene ausgeben kann, für friedliche Zwecke verwendet werden darf. Wie brave Hündchen folgen ihm die meisten europäischen Regierungschefs. Und die als „Sonder­vermögen“ getarnten Kriegskredite kennen kei­ne Grenze nach oben.

Die gerechten Kriege des Westens

Auch, wenn der russische Angriff auf die Ukraine völkerrechtswidrig war – die Vorgeschichte des Krieges und die vielen völkerrechtswidrigen Kriege, die USA und NATO seit 1945 geführt haben, werden konse­quent ausgeklammert. So entsteht ein völlig einseitiges Bild. Dem Angriff auf die Ukraine vorausgegangen war eine Spirale der Eskalation, an der der Westen einen erheblichen Anteil hatte: NATO-Osterweiterungen entgegen gegebener Versprechen an Russland; die massive Aufrüstung der ukrainischen Armee; das Ver­sprechen, die Ukraine in die NATO aufzunehmen; der Staatsstreich 2014 in Kiew, unterstützt von rechtsra­dikalen westukrainischen Gruppen, gefördert mit 5 Milliarden US-$. Eine wirkliche Bedrohung durch Russ­land wird auch von US-Geheimdiensten nicht gesehen. NATO‑Generalsekretär Rutte erklär­te am 13.10.2025: „Als NATO sind wir 25-mal größer als die russische Wirtschaft. Unser Militär ist dem russi­schen Militär unendlich überlegen.“ Wenn Russland aber immer weiter in die Ecke ge­drängt wird, besteht die Gefahr, dass es seine einzige Stärke ausspielt: Die Überlegenheit an takti­schen und strategischen Atomwaffen. Scheinbar fürchten führende EU-Kreise den Frieden mehr als das Risiko eines Atomkriegs.

Keine Rolle spielt das im Falle Russlands hochgehaltene Völkerrecht bei den Massakern an zehntausenden palästinensischen Kindern und Frauen in Gaza. Hunger und die Zerstörung von Krankenhäusern werden von Israel als Werkzeuge des Massenmords eingesetzt. Keine Rolle spielt das Völkerrecht bei der Blockade Kubas durch die USA: Tausende krebskranke Kinder können nicht mehr behandelt werden, Dialysepatien­ten sterben. Keine Rolle spielte es bei den Angriffskriegen auf den Iran und den Libanon.

Zerstörung der Industrie und Kahlschlag bei Industriearbeitsplätzen

Die Moral-Propaganda von Regierungen und Medien ist in Gaza, der Westbank, dem Libanon, Venezue­la, Kuba und dem Iran zu Staub zerfallen. Die Kriege aber gehen wei­ter und ihre Folgen bringen uns und un­sere Kinder in höchste Gefahr. Anton Jä­ger schreibt in der New York Times vom 16. März 2026, Trumps Angriff auf den Iran sei schlimmer als ein Verbrechen; er sei ein Fehler. („Europe is in danger. It has itself to blame.“ „Europa ist in Gefahr. Es ist selber dafür verantwortlich.“)

Trotz­dem können sich europäische Regie­rungschefs wie Starmer, Macron und Merz nicht aus der Ge­folgschaft der USA lösen. Mit dem Wirtschafts­krieg gegen Russland und den Seeblockaden im Nahen-Osten ist die Öl- und Gasversor­gung Deutschlands auf Gedeih und Verderb auf die USA und ihren launi­schen Präsidenten angewiesen. Die Folgen wie Inflati­on, Zerstörung ganzer In­dustriezweige und tausender Ar­beitsplätze trifft die lohnabhängige Bevölkerung in Deutschland mit steigender Wucht. Und mit der Wiedereinführung der Wehrpflicht sollen wir im „Span­nungsfall“ auch noch mit unserem Leben und dem unserer Kinder bezahlen.

Jobs in der Rüstungsindustrie – ein Ausweg ?

Die „Nationale Sicherheits- und Verteidigungsindustriestrategie“ der Bundesregierung vom Dezember 2024 erklärt „militärische Produktionsfähigkeit“ und „Wehrfähigkeit“ – also Kriegsbereitschaft – zur dauer­haften Aufgabe staatlicher Wirtschafts- und Industriepolitik. Passend lässt die HNA die lächerliche Tarnung von Kassel-Calden als „Urlaubsflughafen“ endlich fallen und gibt zu, was schon immer dessen Zweck war: Ein Reserve-Militärflugplatz und Drohnenstandort (17.04.2026).

Auch der Bundesverband der Deutschen In­dustrie fordert in seinem Papier „Gesamtverteidigung stärken!“ vom 23.06.2025 verstärkte Aufrüstung nach außen und einen Schulterschluss von Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft gegen den inneren Feind. Welche Folgen das für zentrale Rechte der Beschäftigten hat, besonders für das Streikrecht in „si­cherheitsrelevanten Bereichen“ wie Post, Tele­kommunikation, Transport, Gesundheit und öffentlichem Dienst, ist nicht schwer zu erraten.

Die Ampel und die jetzige Regierung haben uns in eine außenpolitische Sackgasse manövriert, durch die tausende Arbeitsplätze in der Industrie verloren gegangen sind und weiter verloren ge­hen. Die Vorstellung, man könne diese riesige Zahl durch Jobs in der Rüstungsindustrie ersetzen, ist abenteuerlich. Noch schlimmer ist, dass eine einmal hingestellte aufgeblähte Kriegsindustrie dahin drängt, sich Märkte für ihre „Produkte“ zu schaffen. Mittel- bis langfristig wird Deutschland damit zum hyperaktiven Kriegstreiber. Wer wird sich dann noch dafür einsetzen, dass Kriege enden?

Alternativen

Die aktuelle Energie- und die Klimakrise machen deutlich, welche Produkte jetzt gesell­schaftlich wichtig sind. Kriegsgerät wird durch Steuergelder bezahlt. Dieses Geld wäre besser ange­legt in sinnvollen Produkten. Wir brauchen Wärmepumpen für alle Wohnungen und Häuser am bes­ten kostenlos. Mobilität für je­den ohne Benzin, Diesel und seltene Erden bei einem maximal niedri­gen Energieverbrauch. Wer könnte so etwas in Kürze und massenhaft produzieren? Beschäftigte der Automo­bil- und Zu­lieferindustrie sind dazu jederzeit in der Lage. Schienenfahrzeuge haben viele Jahre Liefer­zeiten und der öffentliche Personennahverkehr geht vor die Hunde. Da steckt Arbeit drin und wer Kriegsgerät bauen kann, kann auch gesellschaftlich wichtige Produkte fertigen. Unsere Kolleginnen und Kollegen in der Auto- und Rüstungsindustrie sind Facharbeiter und nicht an Produkte wie Kriegsgerät und Auto gebunden. Wer in das Ahrtal blickt, weiß mit welchen notwendigen Ereignissen und deren Folgen wir in Zukunft viel zu tun haben werden. Herausfordernde Ereignisse im Zusammenhang mit der Klimakrise stellen uns alle vor riesige Aufgaben.

Und vergessen wir nicht, dass Arbeitszeitverkürzung mit Lohnausgleich die Profite kleiner aber unser Leben besser machen würde!

Wer entscheidet, was und unter welchen Bedingungen produziert wird? Es sind die Besitzer der Produkti­onsmittel. Besser wäre, wir, die Beschäftigten und die Gesellschaft, würden darüber ent­scheiden. Diese Erkenntnis aus den Welt­kriegen findet sich unter § 2 der IGM Satzung wieder. Gemeinei­gentum ist dort als Ziel formuliert. Im Jahr 1946 hatte es diese Erkenntnis bis ins Ahlener Pro­gramm der CDU geschafft. Dieses Mal sollten wir nicht bis zu einem weiteren Krieg warten. Dann wird es zu spät sein.

Die Aufgabe der Gewerkschaften

Der Aufruf des DGB zum 1. Mai zählt im wesentlichen richtig auf, was die Arbeiter beschäftigt. Was fehlt ist die Orientierung gegen den Kriegskurs von Regierung und Medien auf dem Rücken der Lohnabhängig­en. Das Positionspapier: „Industriepolitische Leitlinien und Instrument­e für eine zukunftsfähige Sicher­heits- und Verteidigungspolitik“, das die IG Metall zusammen mit dem Wirtschaftsforum der SPD und dem BDSV, dem Bundesverband der deutschen Kriegsindus­trie, im Januar 2024 veröffentlicht hat, fordert wie BDI und Regierung weitere Aufrüstung. Viele Betriebsräte der IGM verkaufen Rüs­tungsjobs als gesell­schaftlichen Ausweg. Dagegen unterstützen wir die friedenspolitis­chen Gewerkschaftskonferenzen und versu­chen die Auseinan­dersetzung um die Frie­densfrage in unseren Gewerkschaften vor­an zu bringen.

Widerstand muss organisiert werden gegen die Kriegstreiber, gegen die Militarisierung der „Zeitenwen­de“: die Wiedereinführung der Wehrpflicht, die Aktualisie­rung des Ar­beitszwang-Gesetzes (offiziell „Ar­beitssicherstellungsgesetz“), die Umstellung von ziviler auf militärische Produktion, eine Neuauflage der Berufsverbote.

Solidarität mit dem Kampf der Jugendlichen gegen die Wehrpflicht! Solidarität mit den Schulstreiks! Tragen wir die Frage der Wehrpflicht, die Aktionen der Eltern gegen die Wehrpflicht, in die Betriebe und Gewerk­schaften.

Bereits am 23. Oktober 2025, also vor einem halben Jahr, haben über 40 Kolleginnen und Kollegen aus ver­schiedenen Einzelgewerkschaften dem DGB-Nordhessen angeboten – gern auch kontroverse –  Veranstaltun­gen zur Frage von Krieg und Frieden gemeinsam unter dem Dach des DGB zu organisie­ren. Wir wollen mit diesen Veranstaltungen nicht warten, bis es zu spät ist!


► Für Kooperation und Verhandlungen! Gegen verschärfte Konkurrenz, Sanktionen, Waffenliefe­rungen und Krieg!

► Gemeinsame Aktionen von Beschäftigten aus dem Öffentlichem Dienst und aus den be­troffenen Industriebetrieben wie VW!

► Streikrecht verteidigen!

► Arbeitszeitverkürzung statt Stellenabbau!

► Gegen Sozialabbau und Kriegspolitik!

► Unterstützt den Aufruf: Nein zum Umbau auf Kriegswirtschaft!


Kontakt: forum-gewerkschaften-KS@gmx.de – ViSdP.: F. Geisslinger, Blücherstr. 36, Kassel


Für vertiefte Informationen siehe auch: gewerkschaftsforum.delabournet.tv/de/videos/keinen_tod


 

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