Griechische Delegation besucht Salzgitter

Korrespondenz

Für den 6. Mai hatte der Migrationsauschuss der IG Metall Salzgitter-Peine unsere griechischen Gäste eingeladen. Auf dem Programm stand eine Werksbesichtigung des VW-Motorenwerkes in Salzgitter, organisiert duch die Vertrauenkörperleitung des Standortes. Zu Beginn gab es einen kurzen Austausch im Betriebsratsbüro. Christos Paladis, Vertrauensmann bei VW und Vorsitzender des IGM-Migrationausschusses, erläuterte die Unterschiede zwischen der gewerkschaftlichen Organisierung in beiden Ländern. Während in der BRD wenige große Gewerkschaftsverbände die Organisierung der Lohnabhängigen prägen, gilt in Griechenland das Prinzip: ein Betrieb eine Gewerkschaft. So existieren dort mehrere tausend Gewerkschaften mit den unterschiedlichsten gewerkschaftlichen und politischen Ausrichtungen.

Die großen Dachverbände ADEDY für den öffentlichen Sektor und GSEE für die private Industrie sind abgehoben von den Interessen der arbeitenden Menschen. Ihre Spitzenfunktionäre werden vom Staat bezahlt und repräsentieren vor allem die Vertreter von politischen Parteien in den Gewerkschaftsdachverbänden, von der ND[1] über die PASOK[2] bis hin zu SYRIZA[3] und der KKE[4]. Sie stoßen in der arbeitenden Bevölkerung großteils auf Desinteresse, teilweise auf vehemente Ablehnung.

Apostolis Kapsalis, ehemals Mitarbeiter für Arbeits- und Sozialrecht im Dachverband GSEE, wurde entlassen, weil deren Spitzenfunktionäre an der Veröffentlichung seiner wissenschaftlichen Untersuchungen nicht interessiert waren. Er setzt inzwischen seine Arbeit als Professor an der Panteion Universität Athen fort. Christos beendete seine Vortrag mit einem aktuellen Zitat von Apostolis: „In Griechenland gibt es nicht nur ein neoliberales Regime, sondern die Gesellschaft hat sich neoliberalisiert.

Diskussionsrunde mit in der IGM organisierten Auszubildenden

Dieser kurzen Infoveranstaltung folgte die Betriebsbesichtigung, organisiert über die Vertrauenskörper-Leitung. Rund 7.500 Menschen sind am Standort beschäftigt. Sie produzierten im Jahr 2025 insgesamt 728.000 Motoren. Bei der Fahrt durch die riesigen Produktionshallen wurde die Umstellung der Motorenproduktion sichtbar. Ein Teil der Produktionsanlagen für Benzin- und Dieselmotoren wurde abgebaut. Neue Produktionshallen entstehen für die 2022 gegründete PowerCo SE. Dort bündelt VW die Entwicklung und Produktion von Batteriezellen für die künftigen Elektroautomobile.

Austausch mit der Gewerkschaftsjugend: Gegen die Wehrpflicht

Auf der Treppe zum Betriebsratsbüro

Völlig anders als die Veranstaltungen in Kassel und Berlin verlief das Treffen in Salzgitter. Für den frühen Abend hatte der Migrationsausschuss der IGM ins Gewerkschaftshaus Salzgitter eingeladen. Der Kreis blieb überschaubar. So konnten alle Anwesenden sich persönlich vorstellen. Zahlreiche Auszubildende aus dem Stahlwerk waren gekommen und erzeugten Aufmerksamkeit bei den griechischen Gästen. Sie waren erstaunt über die frühzeitige Ausbildung junger Menschen. Die bei uns übliche duale Ausbildung gibt es in Griechenland nicht. Aber auch dort organisieren sich zunehmend weniger junge Leute gewerkschaftlich. So standen nicht Fragen an die Gäste im Vordergrund, sondern deren Fragen an die jungen Leute, die ihre ersten gewerkschaftlichen und politischen Erfahrungen im Betrieb und in der IG Metall sammeln. Auch bei ihnen war die Furcht vor einer möglichen militärischen Zuspitzung spürbar. Dies machten sie mit ihrer Ablehnung der geplanten Wiederinkraftsetzung der Wehrpflicht deutlich. In Griechenland besteht seit langem eine allgemeine Wehrpflicht, die auch nie ausgesetzt wurde.

So bestand der Gewinn dieser Diskussionsrunde in den Stimmungen, Gefühlen und Meinungen, die die Auszubildenden den griechischen Kollegen vermittelten. Einen so authentischen Einblick in die Gefühlswelt der Jugend können wir, die alten „Polithasen“, sicherlich nicht vermitteln.

Den Abschluss der Veranstaltung bildete ein Video-Clip zur Unterstützung der streikenden Belegschaft von StanleyFeinwerktechnik in Lahnau.


[1] Nea Demokratia, vergleichbar mit der Union, sie umfasst liberal-konservative und ultra-nationalistische Kräfte bis hin zu einzelnen Vertretern, deren Anschauungen als faschistisch charakterisiert werden.
[2] Panellinio Sosialistiko Kinima, die traditionelle Sozialdemokratische Partei Griechenlands, die nach dem
Sturz der Obristendiktatur entscheidenden Einfluss in den Gewerkschaften hatte.
[3] Koalition der Radikalen Linken, 2015 errang sie die Mehrheit der Sitze im Parlament und bildete mit den nationalistischen „Unabhängigen Griechen“ eine Koalition.
[4] Die traditionelle Kommunistische Partei Griechenlands, die einen sektiererischen Kurs fährt.


 

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