Erinnerungen an Ricardo

Ricardo Neumann, Dezember 1999

Ende Juli 2019 verstarb kurz nach seinem 71. Geburtstag in Göttingen unser Genosse Klaus Dieter Neumann, unter uns Ricardo oder kurz nur Ric genannt. Ricardo war über vierzig Jahre Mitglied der Gruppe. Er arbeitete in verschiedenen Ortsgruppen mit wie Göttingen, Köln, aber vor allem in Berlin.

Facettenreiches Leben

Es ist im Rahmen eines kurzen Artikels wie diesem nicht möglich, alle seinen Interessen aufzuzählen, die sein Leben bestimmten. Erschwerend kommt hinzu, dass wir nicht von allen wissen. Ricardo hatte die Eigenschaft, seine Aktivitäten und die mit ihnen jeweils verbundenen Freundeskreise voneinander abzuschotten.

Seine große Leidenschaft war das Reisen. Er sagte einmal, er habe nahezu alle Länder der Welt besucht. Ihm ging es nicht in erster Linie um touristische Attraktionen. Immer schaute er auch hinter die Fassaden einer Gesellschaft. Mehrmals reiste er nach China einschließlich Hongkong und Taiwan, aber auch ‚exotische‘ Länder wie Nordkorea, Usbekistan, Kirgisien oder den Iran suchte er auf.

Zog es ihn einmal nicht in die Ferne, machte er gerne längere Fahrradtouren, zählte Kraniche in der brandenburgischen Heide oder besuchte in der gesamten Republik alte FreundInnen. Sportliche Betätigungen, neben dem Fahrradfahren besonders Basketball, gehörten ebenso zu seinen Freizeitaktivitäten wie gesellige Zusammenkünfte mit unterschiedlichsten Leuten.

Konnte er wegen seiner Berufstätigkeit – er war Berufsschullehrer – nicht unterwegs sein, so war er in politischen Angelegenheiten auf Achse. Neben den Gruppenterminen, die er selten versäumte, engagierte er sich in seiner Schule gewerkschaftlich und unterstützte die Aktivitäten der GEW. Einige Jahre arbeitete er im Antifa-Info mit, danach über zwei Jahrzehnte in der Berliner Mietergemeinschaft. Gelegentliche Engagements in Kiez-Aktivitäten kamen hinzu.

Einen Schwerpunkt seiner politischen Tätigkeit bildete die Schulungsarbeit. Er gab sein Wissen weiter an Jüngere, forderte sie aber gleichzeitig auf, ihre Erfahrungen und ihre Sicht der Dinge darzulegen. Er wollte keine vorgefertigten Standpunkte oder absolute Wahrheiten hören, sondern neue Beurteilungskriterien für die aufgeworfenen Fragestellungen gewinnen und erstarrten historischen Sichtweisen neue Perspektiven abringen. Dies konnte nur gelingen, wenn die Auseinandersetzungen in solidarischer Diskussion unter gleichen geführt wurden und eine Atmosphäre der Vertrautheit und Hierarchiefreiheit bestand. Bildung war nach seinem Selbstverständnis nicht dazu da, dem einzelnen mehr Wissen als den anderen zu liefern und ihm so Karrierevorteile oder Einkommenszuwächse zu bieten, sondern Schulungen besaßen für Ricardo den Wert, sich gemeinsam Wissen anzueignen und sich so eine Grundlage für gemeinsames Handeln zu schaffen. Sein Interesse an Schulungen ging weit über bildungsbürgerliche Ansprüche hinaus. Sein Ausgangsunkt war sokratisch, sein Ziel die Aufhebung im Handeln des Kollektivs.

Ricardo war im besten Sinne des Wortes Basisarbeiter, war immer bereit, sich einzureihen, wenn es um wichtige gewerkschaftliche, gesellschaftliche oder politische Auseinandersetzungen ging. Er strebte nie nach Posten oder öffentlicher Anerkennung. Er hatte wenig Interesse an Grundsatzdiskussionen, programmatischen Erklärungen oder Parteitagsresolutionen. Von der Sache, von der man überzeugt war, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, war ihm immer suspekt. Nach seiner Einschätzung war eine solche Entscheidung in der Regel der erste Schritt zur Abkehr von den eigenen Grundsätzen. Sie war allenfalls tolerabel, wenn die jeweilige Tätigkeit von denjenigen kontrolliert werden konnte, die aus ihren Reihen Einzelne für solche Aufgaben gewählt hatten. Kommunistische Politik bedeutete für ihn, dass sich die Aktiven in Sprache und Handlungsweisen nie von den Erfahrungen und dem Alltagsleben der ‚normalen‘ Leute entfernen durften.

Ricardo lehnte Großorganisationen nicht grundsätzlich ab, auch nicht vertikale Strukturen in politischen Zusammenhängen oder in sozialen Verbänden. Sie waren für ihn aber nur Mittel zum Zweck, dazu da, die Voraussetzungen für die Durchsetzung gemeinsamer Ziele der abhängig Beschäftigten zu schaffen, inhaltlich wie organisatorisch die sonst disparat vorhandenen Interessen zu bündeln und so geschlossen in eine Auseinandersetzung zu führen.

Ein Kind der 68er

Sein politisches Selbstverständnis war wesentlich geprägt durch die Studentenrebellion und die folgenden Auseinandersetzungen über die Politik der sozialistischen Gruppen. Die Härte, mit der sich diverse linke Gruppierungen über Detailfragen der politischen Ausrichtung stritten, stieß ihn ab. Deren Debatten blieben ausschließlich auf studentische Zirkel beschränkt. In Betrieb und Gewerkschaften wie im Alltagsleben der lohnabhängig Beschäftigten spielten sie keine Rolle.

So war es kaum überraschend, dass er zur Gruppe Arbeiterpolitik stieß. Hier traf er auf GenossInnen, die in der Arbeiterbewegung verwurzelt waren, die Auseinandersetzungen am Ende der Weimarer Republik noch miterlebt hatten und Widerstand im Faschismus geleistet hatten. In der Zeitung ‚Arbeiterpolitik‘ dominierten die Erfahrungen aus Betrieb und Gewerkschaft und die damit zusammenhängenden sozialen und politischen Fragen. Wann die ersten Kontakte geknüpft wurden, wissen wir nicht. Vermutlich geschah dies in Köln Mitte der 70er Jahre. Die Annäherung an die Gruppe bedeutete jedoch nicht, dass er alle damaligen Positionen kritiklos übernahm.

Nach dem Tode von Brandler hatte die Mehrheit der Gruppe die taktischen Grundsätze, die im Wesentlichen im Roten Gewerkschaftsbuch und in der Plattform der KPO dargelegt sind, als veraltet erklärt. Sie würden nicht mehr den Bedingungen der Nachkriegszeit entsprechen. Für die Bildung von politischen Zusammenhängen in den Gewerkschaften gäbe es keine Voraussetzungen mehr, hieß es nun. Stattdessen könne nur über die Radikalisierung von Betriebskämpfen ein Neuanfang in der Arbeiterbewegung erreicht werden.

Ricardo blieb diesem Ansatz gegenüber skeptisch, ja er lehnte ihn ab. Nicht zuletzt der Umstand, dass die Bremer Gruppe nach den Auseinandersetzungen auf der Hütte sich politisch nicht konsolidieren konnte, festigte seine Einschätzung. Ende der 70er Jahre lebte er für einige Zeit in Bremen und konnte vor Ort die Folgen der Auseinandersetzung bei Klöckner persönlich nachvollziehen.

Es war somit nicht die taktische Neuorientierung nach 1968, die ihn zur Gruppe zog, sondern zwei andere ihrer Eigenschaften. Einmal die nie endende Anstrengung, gesellschaftliche, betriebliche, gewerkschaftliche wie auch politische Ereignisse aus den jeweiligen Kräftekonstellationen erläutern und beurteilen zu wollen, letztlich also die Klassenfrage, auf die sich alles gesellschaftliche Handeln zu beziehen hatte. Zum anderen die Position der Gruppe zu den sozialistischen Ländern. Brandlers Text „Die Sowjetunion und die sozialistische Revolution“ war für ihn maßgebend. Der Text schloss die von Thalheimer begonnene, aber wegen seines Todes im September 1948 nicht beendete Broschüre ‚Die Grundlagen der Einschätzung der Sowjetunion‘ ab. Mit der Gründung der DDR und der Haltung, die ihr gegenüber einzunehmen sei, beschäftigte sich der Text Brandlers nicht. Zu dieser Frage gab es ja zwar nicht im Grundsatz, aber doch im Detail unterschiedliche Positionen in der Gruppe auch nach der Neugründung 1960.

Ricardo, der ab Anfang der 80er Jahre in Westberlin lebte, war täglich mit dem Verhältnis zur DDR konfrontiert. In Westberlin grassierte stärker noch als in der BRD der Antikommunismus und nur wenige Kilometer vom eigenen Wohnort befand sich Ostberlin, die Hauptstadt der DDR mit fast all ihren Institutionen. Bei jeder Reise in die BRD musste man die DDR durchqueren.

Zurück zu den Wurzeln

Solange es keine überzeugenden politischen Antworten in der Gruppe zum Verhältnis zur DDR gab, solange die DDR im politischen Leben der Gruppe eher ein Randproblem war, blieb nur die Möglichkeit, selber Antworten zu finden. Da Ricardo sich aufgrund seiner anstrengenden beruflichen Tätigkeit nicht in der Lage sah, allein diese komplexe Anforderung zu bewältigen, wählte er andere Wege. Er fuhr häufig in den Ostteil der Stadt und knüpfte dort Kontakte zu Menschen, die oft viele Jahre bestanden. Außerdem versuchte er, Schlussfolgerungen aus den Erfahrungen derjenigen zu ziehen, die entweder selber in der DDR gelebt oder auf andere Weise tiefgreifende Erfahrungen mit der DDR gemacht hatten.

Er setzte sich dabei vor allem mit drei Genossen auseinander, deren Lebensweg bezogen auf die DDR unterschiedlicher nicht sein konnte. Es handelte sich bei den dreien um Robert Siewert, Paul Elflein und Heinz Krause1. Alle drei hatten die Novemberrevolution als Jugendliche mitgemacht, waren dann zur KPD gestoßen, gehörten nach 1923 der sog. rechten Opposition an, schlossen sich nach dem Bruch der KPD mit der Einheitsfronttaktik 1928 der KPO an und nahmen aktiv am Widerstand der Arbeiterbewegung im Faschismus teil.

Heinrich Brandler, Richard Janus, Heinz Krause in Hamburg um 1953

Nach 1945 gingen sie unterschiedliche Wege aufgrund der jeweiligen Bedingungen, die in dem Teil Nachkriegsdeutschlands herrschten, in dem sie lebten. Alle blieben den politischen Grundsätzen, die die KPO entwickelt hatte, bis an ihr Lebensende verbunden.

Robert Siewert ist sicher der bekannteste der drei. Siewert kehrte 1945 nach Sachsen zurück und baute in Halle/Saale die KPD mit auf. Er wurde in der DDR kurzzeitig Minister des Inneren in Sachsen-Anhalt. Er prangerte auf massiven Druck der SED, die alle potentiellen Oppositionsgruppen in der DDR vor einer Reorganisation warnen wollte, in einem im ‚Neuen Deutschland‘ am 25.01.1951 erschienenen Artikel die parteifeindliche Haltung der KPO an. Da diese Kritik sich nur auf die Gegenwart bezog (die KPO gab es formell nach 1945 nicht mehr), wurde seine Haltung als unbefriedigend bezeichnet. Er verschärfte dann im März die Kritik. Siewert wurde politisch kalt gestellt und mit Verwaltungsaufgaben im Bauministerium beschäftigt. Nach 1956 wurde er rehabilitiert, aber nicht mehr mit führenden Positionen betraut. Siewert wurde auf dem Friedhof der Sozialisten in Friedrichsfelde bestattet. Hier legte Ricardo alljährlich am Tag des Gedenkens zu Liebknecht und Luxemburg eine Nelke an seinem Grab nieder.

Anders verlief die politische Entwicklung von Paul Elflein nach 1945. Er ging nach der Entlassung aus der britischen Gefangenschaft zurück in seine Heimat nach Thüringen. Dort schloss er sich im März 1947 der zwischenzeitlich gegründeten SED an. Mit Alfred Schmidt und einigen ehemaligen Mitgliedern der KPO bildete er einen Zusammenhang, der intensiv die von Brandler und Thalheimer im kubanischen Exil verfassten Schriften zur Einschätzung der Nachkriegsverhältnisse studierte. Alfred Schmidt und andere Genossen wurden Mitte 1948 verhaftet. Ein sowjetisches Militärtribunal verurteilte Alfred Schmidt wegen ‚antisowjetischer Propaganda‘ zum Tode. Die Strafe wurde dann zu 25 Jahre Arbeitslager umgewandelt. Dies war ein unmissverständlicher Warnschuss an alle ehemaligen Mitglieder der KPO, in der DDR sich, in welcher Form auch immer, nicht eigenständig politisch zu organisieren. Erst nach der Verurteilung von Schmidt realisierten die Behörden, dass er eng mit Paul Elflein zusammen gearbeitet hatte. Elflein drohte die Verhaftung. Er entzog sich ihr durch Flucht in den Westen. Trotz vieler kritischer Bemerkungen sah er die DDR wegen der Enteignung der Junker und der Sozialisierung der Großindustrie als sozialistischen Staat, dessen Grundlagen es zu verteidigen galt. Ricardo, der Paul Elflein noch persönlich kennengelernt hatte, teilte diese Position.

Als dritter Bezugspunkt fungierte für Ricardo der heute nur noch wenigen bekannte Heinz Krause. Nach 1945 vertrat er die Auffassung, die Arbeit der KPO als politischer Zusammenhang von GenossInnen aus Ost und West müsse fortbestehen. Er trat wie nahezu alle ehemaligen Mitglieder der KPO der KPD und dann auch der SED bei. Doch schon bald wurde er wegen seiner politischen Haltung aus der Partei ausgeschlossen. Er trat der Gruppe Arbeiterpolitik bei, geriet in ihr aber Mitte der 50er in Widerspruch zur Mehrheitsmeinung, als diese 1956 erstmalig zur Wahl der SPD aufrief. Da Krause den Zusammenhang derjenigen, die vor 1945 der KPO angehörten, nicht aufgeben wollte, hielt er bis Ende der 50er Jahre die Verbindungen in den östlichen Teil der Stadt aufrecht. Dies war in Berlin nicht so schwer, weil zwischen dem westlichen und dem östlichen Teil der Stadt bis zum Mauerbau eine offene Grenze bestand. Krause soll, laut Ricardo, die Zeitung „Arbeiterpolitik“ in dieser Zeit nach Ost-Berlin gebracht haben. Leider wissen wir über die Zusammenarbeit der GenossInnen aus beiden Teilen der Stadt in diesen Jahren wenig. Sie verlief im Wesentlichen konspirativ. Ricardo, der an der Beerdigung von Heinz Krause 1994 teilnahm, berichtete immer wieder, dass an dessen Grab eine Vielzahl von GenossInnen stand, die in Westberlin niemand kannte. Bitter enttäuscht war Krause, als der leitende Redakteur der Zeitung „Arbeiterpolitik“, Rudi Hanke, 1959 mit einigen anderen zur SPD übertrat. Er wollte danach einen Neuanfang nicht mitmachen, blieb aber bis zu seinem Tod der Gruppe verbunden.

Politisches Selbstverständnis

Interessant ist, dass Ricardo keine Probleme hatte, die unterschiedlichen Ansätze dieser drei nach 1945 zu akzeptieren. Wichtig war, dass sie alle auf schwierige politische Situationen versuchten selbständig Antworten zu finden, den Grundsätzen einer selbständigen Arbeiterbewegung verbunden blieben und tief im Alltag der abhängig Beschäftigten verwurzelt waren. Sie lösten sich nicht von der eigenen Geschichte, auch wenn sie hier und da schmerzliche Kompromisse schließen mussten. Auch wenn Ricardo dies nicht explizit so formulierte, schien er ähnlich wie Krause die unterschiedlichen Stränge, in die sich die KPO nach 1945 aufgelöst hatte, wieder zusammen fassen zu wollen. Diesmal sicher ohne das Ziel: Rückkehr in die KPD/SED/DKP, sondern als selbständiger Zusammenhang mit einer den Nachkriegsverhältnissen entsprechenden Programmatik und Taktik. Ohne die Entwicklung und schließlich Materialisierung eines solchen Zusammenhangs konnten die Kommunisten kaum einen zentralen Faktor in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen bilden. Allein über betriebliche, gewerkschaftliche und soziale Konflikte, die ohne politisches Ziel immer singuläre Ereignisse blieben, ließ sich dies nicht erreichen.

Sein Streben, die unterschiedlichen Stränge der sich auf die KPO beziehenden Richtungen wieder zusammen zu führen, zeigte sich in zwei anderen Verhaltensweisen. Einmal blieb er mit allen in Verbindung, die einmal in der Gruppe mitgearbeitet hatten, dann aber aus persönlichen oder politischen Gründen ausgeschieden waren. Und zum anderen unterstützte er von Anfang an die Initiative der Berliner Gruppe Mitte der 90er, wieder aktiven Kontakt zur Gruppe Arbeiterstimme aufzunehmen und so die atmosphärischen Störungen wie politischen Differenzen der früheren Jahre abzubauen. Er hielt die Existenz von zwei Gruppen mit gleicher Grundlage für „Schwachsinn“ und den Zusammenschluss beider für längst überfällig.

Späte Fragestellungen

Nach der Niederlage des sozialistischen Lagers und dem Anschluss der DDR an die BRD beschäftigte sich Ricardo intensiv mit der Entwicklung in China. Er sah die Änderungen durchaus realistisch. China stand nun ohne Rückendeckung durch die Sowjetunion da und musste noch mehr als bisher nach einem eigenen Weg zur Entwicklung des Landes suchen. Die Bedrohung, von den USA daran gehindert zu werden, blieb bestehen. Angesichts der Größe des Landes, den Besonderheiten seiner Geschichte, der weiteren Führung des Landes durch die Kommunistische Partei, hielt er eine schlichte Beurteilung für zu kurz gegriffen. Er warnte uns immer wieder vor schnellen Einschätzungen und ermahnte uns, zunächst einmal genau hinzusehen, was dort passierte. Der Wechsel zu einem kapitalistischen Akkumulationstypus im industriellen Bereich und bei der Versorgung der Bevölkerung bedeutete noch lange nicht eine vollständige Abkehr von den sozialistischen Grundlagen. In vielen Bereichen blieb das Staatseigentum wie auch die genossenschaftlichen Strukturen erhalten. Die Infrastruktur werde weiter zentral geplant, nahezu schrankenlose Interventions- und Kontrollrechte des Staates in die Ökonomie beständen weiter. Auch die Eckpunkte der gesellschaftlichen Entwicklung würden nicht einfach den Marktkräften überlassen. Auch wenn sich ideologisch konfuzianische Wertvorstellungen ausbreiteten, werde der Marxismus nicht grundsätzlich aufgegeben. Die Handlungsfähigkeit der KP bleibe weitgehend bestehen. Welcher Gesellschaftstyp dabei am Schluss herauskommen werde, hielt er für offen.

Der Abschied

In den letzten Jahren konnten wir ihm auf all seine Fragen nicht immer zufrieden stellende Antworten liefern. Dies, wie auch seine zunehmenden gesundheitlichen Probleme führten dazu, dass er vor zwei Jahren in seine alte Heimat nach Göttingen zog. Auch wenn der Kontakt zur Gruppe geringer wurde und nur auf Einzelpersonen beschränkt war, wurden die Bindungen nie gekappt.

H.B. – 05.04.2020


  1. Vgl..zu den Biografien ausführlich Theodor Bergmann, ‚Gegen den Strom, Hamburg 2001

aus Arbeiterpolitik Nr. 1/2 2020

2 Kommentare

  1. Ein hochinteressanter und aufschlussreicher Lebensbericht! Aber Euer Schlußsatz enttäuscht mich sehr:
    Ihr beginnt mit „unser Genosse Klaus Dieter Neumann“, und dann endet Ihr mit „konnten wir ihm auf all seine Fragen nicht immer zufriedenstellende Antworten liefern“. Ihr, ihm, liefern: das klingt nicht wie nach einem Verhältnis auf gleicher Augenhöhe, das klingt nach dem Lehrer, der es besser weiß oder wissen müsste als der Schüler, und der
    Schüler ist aber leider nicht zufrieden mit der Erklärung oder versteht oder akzeptiert sie nicht.
    Ich finde das doch einigermaßen überheblich gegenüber eurem Genossen.

    • Liebe/r Leserbriefschreiber*in,

      Ricardo hat in den letzten Jahren seines Lebens stärker noch als schon vorher nach Antworten insbesondere auf zwei Fragen gesucht. Einmal, wie ist die internationale Lage nach der Niederlage des sozialistischen Lagers zu bewerten, wobei er hier den Focus auf die veränderte Bedeutung Chinas legte. Zum anderen stellte er die Frage, wie der innenpolitische Ansatz der Gruppe zu bestimmen sei, nach dem klar geworden war, dass der Betriebsradikalismus spätestens ab den 90er Jahren zu keinerlei Weiterentwicklung , ja sogar zu einem Rückgang des Einflusses der Gruppe geführt hatte.

      Stellt man den beanstandeten Satz in diesen Kontext, wird schnell klar, dass das Verhältnis zwischen Ricardo und der Gruppe nicht als Schüler- Lehrer Verhältnis bestimmt worden ist, sondern hier gesagt worden ist, dass Ricardo die richtigen Fragen stellte, die Gruppe aber aktuell nicht in der Lage ist, darauf politisch überzeugende Antworten zu liefern. Es war Ricardo, der der Gruppe den Spiegel vorhielt.

Schreibe einen Kommentar zu BZI Antworten abbrechen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*