Zwischen Sozialdemokratie und Kommunismus
Eine Familienchronik aus Berlin Rixdorf/Neukölln

Buchbesprechung

Die Zeiten scheinen schlecht für antikapitalistische und emanzipatorische Politik mit dem Fernziel der Systemüberwindung. Wir haben die Kriege in der Ukraine, in Gaza und im Iran, die Bürgerkriege in Sudan, Mali, Kongo. Sie haben das Potenzial, sich im globalen Maßstab zu nuklearen Vernichtungskriegen auszuweiten, ähnlich wie es historisch im Vorfeld der beiden Weltkriege abgelaufen ist. Aber auch gegenwärtig spüren wir im vermeintlich sicheren Mitteleuropa die Folgen: ökonomisch in der Teuerung der Lebenshaltungskosten, die verursacht wird etwa durch Sanktionen gegen Russland und die Sperrung der Straße von Hormus, den Rückgang des Getreideexports aus der Ukraine, die Lenkung von Ressourcen in die Produktion von Waffen. Die in Deutschland geschürte Kriegshysterie führt zu Aufrüstung, diese wiederum hat Sozialabbau in nahezu allen Bereichen (Gesundheit, Bildung, Rente, Eingriffe in Arbeits- und Gewerkschaftsrechte) zur Folge. Die Krise hat aber auch tieferliegende strukturelle Ursachen in der Wirtschaft, etwa durch technologische Umbrüche in der Umstellung auf erneuerbare Energien, im Verkehr, im Bereich Künstliche Intelligenz. Dazu kommt der menschengemachte Klimawandel. Im Weltmaßstab ist die Menschheit bedroht wie noch nie.

In diesem Zusammentreffen grundlegender Krisen bestätigt sich eine Kernaussage von Marx: „Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen allen Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.“ (MEW 23, S. 530)

In unserer Gegenwart resultiert dies in einem politischen Rechtsruck mit globalen Ausmaßen. Wir sehen das in Deutschland am Wachstum der AfD und in einer davon geprägten innenpolitischen Debatte, die die Landtagswahlen des Jahres 2026 zu prägen scheint. Ebenso sieht es in Frankreich und anderen Mitgliedstaaten der EU, den USA, Lateinamerika aus. „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch„, schrieb Friedrich Hölderlin seinerzeit. Wir können uns darauf aber nicht verlassen. Die Linke ist in Deutschland und weltweit eher in der Defensive, die Rechte, von Regierungskräften unterstützt, scheint auf dem Vormarsch zu sein. Die Hetze gegen Migrant:innen, Erwerbslose, Transfereinkommenbeziehende, Klimaschützer:innen etc. verfängt bei zu vielen Wähler:innen. Die parlamentarisch orientierte Linke und die Gewerkschaften sehen ihr Heil in der Verteidigung der bürgerlichen Demokratie gegen die AfD. Nur begrenzt kommen systemrelevante Themen auf, etwa in der Frage von Mieten und der Enteignung von Immobilienkonzernen.

Die hier folgende Besprechung einer „Familienchronik aus Berlin-Rixdorf/Neukölln“ zeigt, dass es nicht immer so war, dass gesellschaftliche Verhältnisse ständig im Fluss der Geschichte sind und darin Menschen – Gruppen und Einzelne – sich engagieren, zum Widerstand gegen Vorgaben der kapitalistischen Produktionsweise bereit sind und sich für diese Ziele zusammenschließen. Das können große, im gesellschaftlichen Maßstab gut wahrnehmbare Strömungen, aber auch – wenn die Verhältnisse es nicht anders zulassen – kleinere Zusammenhänge sein, die die gegebenen Möglichkeiten, politisch zu agieren, so gut wahrnehmen, wie es eben geht. In diesem Text geht es um die, die den Kern ihrer politischen Aktivität in der Überwindung des Kapitalismus und als Voraussetzung dazu in der Bildung proletarischen Klassenbewusstseins sehen.

Sozialdemokratische Herkunftsfamilie

Andreas Hesse, Jahrgang 1950, wuchs in einer sozialdemokratischen Familie auf. Sein Vater war Leiter des August-Bebel-Instituts, dass in genau dem Haus untergebracht war, in dem am 20. Januar 1942 von Spitzen aus NSDAP und SS die „Endlösung der Judenfrage“ beschlossen worden war. Über diese Rolle des Hauses, so Hesse, wurde jedoch nicht gesprochen, weder zu Hause, noch in der Schule. Prägend für das politische Klima seiner Kindheit war vielmehr der West-Ost-Konflikt, konkret: die Spaltung Berlins und die Nähe des SED-„Regimes“. Sein Vater stand politisch auf dem rechten Flügel der SPD, war antikommunistisch gesinnt: „Dem Antikommunismus ordnete sich alles unter, auch bei vielen Sozialdemokraten mit antifaschistischer Vergangenheit, zumindest bei denen, die sich nun ganz in den Dienst der Westanbindung gestellt hatten.“

Die 68’er-Bewegung führte ihn dazu, sich „gegen die in jeder Hinsicht kleinbürgerlichen Verhältnisse aufzulehnen,“ und brachte ihn damit in Konflikt zu seinem Vater. Dies führte zwar nicht zu einem persönlichen Zerwürfnis, aber eine politische Diskussion war in der politischen Atmosphäre dieser Zeit zwischen Vater und Sohn nicht möglich. In den folgenden Abschnitten geht Hesse auf die Chronik seiner Familie ein. Sein Vater hatte demnach zeitweilig auf Seiten derer gestanden, die zwischen den seit der Novemberrevolution verfeindeten Hauptströmungen der Arbeiterbewegung zu vermitteln suchten, konkret: zu der Organisation „Neu Beginnen“ (auch „Leninistische Organisation“ genannt). 1937 wurde er verhaftet und verurteilt, kam aber nach 15 Monaten wieder frei. 1940 zur Wehrmacht eingezogen, geriet er in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Lesenswert ist dieser Teil der Familiengeschichte durch die Verbindung von Personenschicksalen und politischen Auffassungen mit Schilderungen und Dokumenten dieser von Weltkriegen, Revolution und Wiederaufbau geprägten Zeit.

Kommunist

Er fährt fort: „So entstand mit der Familienbiographie zugleich ein kleiner Einblick in die Geschichte der Arbeiterbewegung aus meinen politischen Überzeugungen. Die sind geprägt von gewerkschaftlichen und politischen Aktivitäten, die mir Anfang der 1970er Jahre Kontakt zur Gruppe Arbeiterpolitik (GAP) verschafften.“ In dieser Gruppe wurden seine Anschauungen von älteren Genoss:innen geprägt, die nicht, wie sein Vater und die Organisation „Neu Beginnen“, nach dem Krieg ins Lager der rechten Sozialdemokrat:innen gewechselt waren.

Beschrieben wird im folgenden der Gründungsprozess der Gruppe Arbeiterpolitik, inspiriert von August Thalheimer (der aber schon 1948, noch im Exil, starb), Heinrich Brandler, Josef (Pep) und Theo Bergmann, Kommunisten aus der Tradition der KPO, die sich nicht den Besatzungsmächten zur Verfügung stellten, sondern auf den Wiederaufbau der Arbeiterbewegung hinarbeiteten.

Die Situation in Deutschland war ja eine ganz andere als in der Novemberrevolution: Politisch handlungsfähige Klassensubjekte gab es weder auf Seiten der Bourgeoisie noch der Arbeiterklasse. Die Macht in Deutschland lag allein bei den Sieger-, jetzt Besatzungsmächten, die in ihrem jeweiligen Gebiet ihr Gesellschaftsmodell einführten und jede selbständige Regung der Arbeiterbewegung verhinderten. Die Lohnabhängigen sind heute in ihrer Mehrheit politisch desorientiert und ohne Klassenbewusstsein

Im Text geht es um seine Kindheit in „der antikommunistischen Frontstadt Westberlin„. Neben dem Alltag seiner Eltern und sonstigen Verwandten, seiner Schulbildung und seiner Einstellung geht es auch hier um die gesellschaftlichen Verhältnisse und schließlich den Prozess seiner Politisierung in der „Studenten- und Jugendrevolte„. Er brach das Gymnasium ab und machte eine Berufsausbildung im Grafischen Gewerbe. Er sah seine Aufgabe darin, „die Arbeiterklasse zu revolutionieren„, und trat der IG Druck und Papier bei. Die Beschreibung seiner vielfältigen Aktivitäten dort nimmt breiten Raum ein. Nach seiner Aussage war es die Lohntarifrunde 1976, die ihn in die Gruppe Arbeiterpolitik führte. Es ging – bis in die frühen achtziger Jahre hinein – um technische Umwälzungen in der Druckindustrie, die zu harten Abwehrkämpfen der Gewerkschaft führten.

In den Jahren davor lagen Auseinandersetzungen um Ausschlüsse in der Westberliner SPD, der Mauerbau 1961, der Besuch Kennedys, die Kubakrise 1962, der Besuch des Schah von Persien, der zu Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg durch die Westberliner Polizei führte.

Später kamen Aktivitäten in der Hausbesetzerszene und um den Besuch des US-Präsidenten Reagan, der M. Gorbatschow dazu aufrief, die Mauer einzureißen. 1990 war es soweit, die Sowjetunion und die DDR lösten sich auf, die politischen Gewichte in Europa und der Welt wie auch die zwischen den Klassen verschoben sich. Die politische Wende dieser Zeit machte auch der Gruppe Arbeiterpolitik zu schaffen. Ihre Aktionsmöglichkeiten und die Zahl ihrer Aktiven gingen zurück. Aber sie tat weiter, was möglich war.

Von den folgenden Aktivitäten sind dann besonders hervorzuheben der Kampf gegen den Rechtsextremismus, die Opposition gegen den Angriffskrieg gegen Jugoslawien, der Widerstand gegen die Hartz-Pläne, betriebliche Kämpfe v. a. in der Metallindustrie (Orenstein & Koppel), die internationalistische Solidaritätsarbeit zu Griechenland, die zu Besuchen dort und Gegenbesuchen hier führten. Das alles wird mit viel Details und politischer Auswertung erzählt. Aktuell sind dann noch die Stellungnahmen zu den Kriegen in der Ukraine und in Nahost. Andreas Hesse spricht sich eindeutig gegen die expansive Politik der westlichen „Wertegemeinschaft“ unter der Führung der USA, gegen eine neue Führungsrolle der BRD, gegen die Erfüllung der angeblichen „Staatsräson“ zugunsten des zionistischen Vernichtungskrieges gegen die palästinensische Bevölkerung aus.

Er schreibt dazu: „Die barbarischen Zustände vergangener Kriege leben erneut auf: in dem Massenmord, der Vertreibung und dem Aushungern der palästinensischen Bevölkerung in Gaza durch die israelische Armee. … Die politischen Repräsentanten der BRD haben die deutsche Geschichte auf ‚die Einzigartigkeit des Genozids an den europäischen Juden‘ reduziert. Mit diesen Argumenten rechtfertigen sie die finanzielle und militärische Unterstützung Israels und die Aufrüstung gegenüber Russland. Von ihren Untertanen versuchen sie die Anerkennung der Existenzberechtigung des israelischen Staates zu erzwingen – in Form des ‚moralisch zwingend erforderlichen Bekenntnisses‘ oder durch entsprechende Verbote, Verordnungen und Gesetze, mit denen vor allem der ‚muslimisch geprägte Antisemitismus‘ bekämpft werden soll.“

Aussicht

Eine zentrale Frage, die sich beim Lesen einer solchen politischen Familien- und Autobiografie stellt, ist die nach den Handlungsmöglichkeiten unter den heutigen Umständen, wie sie anfangs als Vorspann dieser Rezension angedeutet wurden. Sie sind unter heutigen Gegebenheiten nicht spektakulär, sie können die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse nicht rasch ändern, aber Aktivitäten schaffen Gemeinsamkeiten, Zuversicht und Kraft. Das dürfen wir uns nicht nehmen lassen, und insoweit liegt es auch an uns. Es wird in dieser Biografie in der Verbindung von gesellschaftlicher Analyse und persönlichem Handeln deutlich.

In der Selbstdarstellung der Gruppe Arbeiterpolitik auf ihrer Website heißt es: „Wir stehen heute vor der Frage: ‚Wie können Kommunisten in dieser historischen Konstellation Einfluss unter den lohnabhängigen Menschen gewinnen?‘ Die objektiven Voraussetzungen dafür schafft das Kapital nach und nach selbst durch seine krisenhafte Entwicklung. Eine Möglichkeit, um wieder Rückhalt bei den Arbeitern, Angestellten und Arbeitslosen zu finden, besteht sicher darin, die Ursachen für die instabilen gesellschaftlichen Verhältnisse aufzuzeigen. Dies wird nur gelingen, wenn wir an den praktischen Erfahrungen der Lohnabhängigen ansetzen. Ziel muss die Förderung von Klassenbewusstsein und längerfristig die Formierung einer handlungsfähigen politischen Organisation sein.“


Zwischen Sozialdemokratie und Kommunismus
Eine Familienchronik aus Berlin Rixdorf/Neukölln

ISBN 978-3-00-087867-1
284 Seiten · 15,00 EUR + Versandkosten

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